Ohne Arbeit und ohne Ausbildung

In bestimmten Kreisen nennt man die jungen Menschen ohne Arbeit und ohne Ausbildung NEET: Not in Education, Not in Employment, Not in Training. Gemeint sind 15- bis 29-Jährige, die dem Arbeitsmarkt dauerhaft fernbleiben – aus eigenem Antrieb oder mangels Ressourcen? Die Antwort ist differenziert.

In der Sekundarschule war Peter ein Durchschnittsschüler. Mit wenig familiärer Unterstützung beginnt er ohne Motivation eine kaufmännische Lehre. Im zweiten Lehrjahr wird er wegen wiederholter Absenzen entlassen. Es folgt eine Zeit des Umherirrens, verschiedene Praktika und schliesslich unregelmässige Einkünfte als Sicherheitsangestellter. In dieser Situation richtet er sich ein – er verdient mehr als  Lernender. Doch dieser Abrufsjob bietet ihm keine Sicherheit. Mit vierundzwanzig Jahren verschlechtert sich sein Gesundheitszustand. Er meldet sich bei der Sozialhilfe an.

Eine fiktive Geschichte – aber gemäss unseren Gesprächen mit Sozialdiensten repräsentativ für die NEET von heute. Auf einem Arbeitsmarkt, der zunehmend durch KI geprägt wird, bedeuten diese stellenlosen jungen Menschen einen Verlust an Talenten und verursachen gesellschaftliche Kosten: sinkende Steuereinnahmen, steigende Staatsausgaben für Förderprogramme und finanzielle Belastungen für Familien, welche die jungen Erwachsenen unterstützen.

Ein schwer fassbares Phänomen

Wie viele Menschen in der Schweiz befinden sich in dieser Situation? Das ist schwer zu sagen. Die Sozialhilfequote bei Jungen variiert je nach Kanton. In Zürich liegt sie 2025 bei 2,9% – gegenüber 2,6% bei Erwachsenen. In Genf hingegen beziehen rund 8% der 18- bis 25-Jährigen Sozialhilfe – ein im nationalen Vergleich sehr hoher Wert.

NEET bilden aber keine homogene Gruppe – und sind nicht zwingend bei der Sozialhilfe gemeldet. Manche leben von der Unterstützung ihrer Familie, beziehen Arbeitslosengelder oder bewegen sich zwischen Temporärjobs und Phasen der Inaktivität. Die Instabilität dieser Lebensläufe erschwert ihre Erfassung – auch was den Wohnort betrifft. Sie pendeln zwischen dem Elternhaus, provisorischen Unterkünften bei Bekannten und bisweilen der Strasse. Es kommt daher nicht selten vor, dass Sozialarbeitende, wenn diese jungen Menschen in Förderprogramme eintreten, zunächst dabei helfen, eine feste Adresse zu definieren – eine Voraussetzung für den Bezug von Unterstützungsleistungen.

Auch die Bereitschaft zur Integration variiert: Manche suchen aktiv nach einer Ausbildung oder einer Stelle; andere verharren in der Inaktivität, kämpfen mit psychischen Problemen oder haben Suchtverhalten. Wir kennen die Schwierigkeiten, selbst für Hochschulabsolvierende, die erste Stelle zu finden. Mit dem Vormarsch der KI nehmen zudem die Praktikumsplätze für junge Diplomierte ab.

Eine Frage der Generation?

Wie viele Presseartikel beschreiben den Unterschied zwischen den Erwartungen der Boomer und jenen der Generation Z an die Arbeit? Den Jungen wird nachgesagt, sie lehnten Vollzeitarbeit ab und bestünden auf Homeoffice oder flexiblen Arbeitszeiten. Auch hier ist die Realität komplexer. Zwar legen 15- bis 30-Jährige grundsätzlich mehr Wert auf die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben als ältere Generationen – doch die Klienten der Integrationsdienste für junge Menschen sind weder besonders faul noch übermässig anspruchsvoll. Vielmehr sind sie mit einer oder mehreren der folgenden Problematiken konfrontiert – oft gleichzeitig:

  • Schwieriger Schulweg, mitunter mit Behinderung oder kognitiven Einschränkungen
  • Fehlendes, wenig präsentes oder konfliktbelastetes familiäres Umfeld
  • Somatische oder psychische Gesundheitsprobleme, chronisch oder vorübergehend
  • Herkunftskultur, welche finanzielle Unterstützung durch die Eltern im Erwachsenenalter normalisiert oder Mädchen nicht zur Berufstätigkeit ermutigt
  • Fehlende Anerkennung bestimmter Beeinträchtigungen durch die Invalidenversicherung

Invalid oder nicht invalid?

Zum letzten Punkt: Die Invalidenversicherung (IV) hat klar angekündigt, die Renten für Junge unter 30 Jahren zu senken. Eine Massnahme, welche die Integration fördern soll – die in den Medien jedoch stark kritisiert wurde. In den Sozialdiensten ist nämlich ein Profil häufig anzutreffen: Erwachsene, deren Gesundheitszustand zwar schlecht, aber nicht katastrophal ist und sich an der Grenze zur Invalidität befindet. Kurzum: Menschen, die arbeiten könnten – aber in einem angepassten Rahmen, mit einem verständnisvollen Arbeitgebenden. Und das findet sich nicht auf Knopfdruck.

Psychisch belastete junge Menschen sind besonders betroffen: Eine unzureichend behandelte Sucht oder eine Depression geben selten Anrecht auf eine Rente. Diese Erkrankungen halten die Betroffenen aber trotzdem vom Arbeitsmarkt fern. Für «Point Jeune», einen Genfer Dienst zur Integrationsförderung, ist ein wichtiger Hebel die Erleichterung des Zugangs zu Psychotherapien – nicht nur was die Verfügbarkeit von Therapeutinnen und Therapeuten betrifft, sondern auch dabei, junge Menschen zu begleiten, damit sie eine solche Unterstützung annehmen. Denn Vorurteile und Widerstände sind in diesem Bereich noch weit verbreitet.

Frühzeitige Begleitung

Solche Initiativen wie in Genf gibt es hundertfach in der ganzen Schweiz. Auch in der Sozialhilfe werden junge Erwachsene oft in eigenen Strukturen betreut – mit verstärkten Integrationsprogrammen und tieferen Pauschalen, um sie nicht dauerhaft im System zu halten. Die Schweiz investiert also in die Integration junger Menschen.

Laut David, Lehrer im Kanton Waadt, ist eine frühzeitige Begleitung unerlässlich. Bei Schüle*rinnen  in schwierigen Situationen beginnt er die Suche nach einem Berufsprojekt zwei Jahre vor Schulabschluss. Wenn kognitive oder familiäre Probleme grosse Schwierigkeiten bei der Lehrstellensuche erwarten lassen, meldet er die Situation an Case-Manager. Es gibt dann Programme mit enger Begleitung – in Zusammenarbeit mit Psycholog*innen , Fachpersonen aus der Sozialarbeit sowie der Invalidenversicherung.

Wenn junge Menschen erst später zur Sozialhilfe kommen, zählt Interdisziplinarität ebenso: Die Fachpersonen müssen sich austauschen und koordinieren – und dabei die Realität des Arbeitsmarkts im Blick behalten. Arbeitgebende in den Dialog einzubeziehen, ist dabei grundlegend.

Die soziale Herkunft als entscheidender Faktor

Im Jahr 2025 haben 48% der Sozialhilfebeziehenden keinen Berufsabschluss. Und Kinder aus einkommensschwachen Familien haben leider häufiger das Risiko, ohne Abschluss dazustehen – ein Teufelskreis, der sich in den Zahlen zeigt, selbst in einem Land, in dem Stipendien die Ausbildung mitfinanzieren. Das Bundesamt für Statistik (BFS) hat die Bildungsverläufe von 82'000 jungen Menschen analysiert, welche zwischen 2011 und 2013 die Schule verliessen. Zehn Jahre später hatten 8,2% keinen Abschluss auf Sekundarstufe II. Bei Kindern aus einkommensschwachen Haushalten lag dieser Wert bei 13% – und bei Kindern, deren Eltern Sozialhilfe beziehen, sogar bei 24%.

Genau deshalb setzt sich Angestellte Schweiz für faire Arbeitsbedingungen und gerechte Löhne ein. Eigeninitiative ist wichtig, um auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen – doch die verfügbaren Ressourcen im Krisenfall unterscheiden sich je nach Person. Ein sicheres und stabiles Umfeld ist die Grundlage für einen guten Start ins Leben. Wir bleiben dran – für eine solidarische Gesellschaft.

 

 

Autor*in

Laure Fasel

Laure Fasel

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