Mentale Gesundheit für den Alltag
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Ausgebucht
Im Interview gibt er uns einen Einblick über seine Gedanken zum Arbeitsmarkt der Zukunft.
Es ist kaum möglich, einen so langen Zeitraum vorauszusagen. Wir fragen uns aktuell: Was ist in sechs Monaten oder in einem Jahr? Es gibt selbst unter den Expert*innen sehr unterschiedliche Meinungen, wie schnell und intensiv der Impact auf den Arbeitsmarkt sein wird. Gewichtige Stimmen wie z.B. Dario Amodei, CEO von Athropic, sagen einen sehr raschen negativen Effekt voraus, insbesondere in der Wissensarbeit und im Einstiegslevel. Erik Brynjolfsson vom Stanford Digital Economy Lab argumentiert, dass bahnbrechende Technologien immer eine lange Anlaufzeit brauchen, weil Unternehmen ihre Prozesse erst umbauen müssen. Erst dann wird der Produktivitätsschub real - und massiv. Der Silicon Valley Investor Marc Andreessen betont, dass menschliche Bedürfnisse unendlich sind und die KI-Entwicklung ganz neue, andere Märkte und Dienstleistungen auftun wird und die Arbeit uns damit nie ausgehen wird.
Unbestritten ist, dass ein massives Upskilling von Mitarbeitenden nötig ist, weil sich die Art zu Arbeiten stark verändert. Ich denke, die Geschwindigkeit wird nicht nur durch den technologischen Fortschritt geprägt sein, sondern hängt auch vom Druck auf die Unternehmen und die Wirtschaft als Ganzes ab.
Im globalen Kontext wird vermehrt «AI first» gedacht. Bevor sie einen Menschen einstellen, fragen sich Unternehmen, ob die KI das auch kann. Bei Abgängen und Pensionierungen fragen sich Entscheider, ob die Aufgaben durch KI übernommen werden können.
Ich sehe es als Paradoxon, wenn man sagt, «KI ersetzt dich nicht, aber KI hilft dir deinen Job besser und schneller zu machen». Wenn du ein Team von 10 Leuten bist und alle nur 10% effektiver werden, dann braucht es am Ende nur noch 9. Natürlich kann die zusätzliche Arbeitskraft mehr Wertschöpfung und neue Services und Innovationen kreieren. Doch das Wachstum auf dem Markt muss ebenfalls vorhanden sein. Das wird aus meiner Sicht oft zu kurz gedacht.
Dazu gibt es Studien: über 70% der Leute glauben, dass KI einen negativen Einfluss auf die Anzahl der Arbeitsplätze hat. Sogar 43% haben Angst um ihren Job. Die Angst ist real.
Sie kann jedoch unterschiedliche Reaktionen auslösen: Entweder sie führt zu Lähmung oder sie setzt Energie frei für Transformation. Orientierungslosigkeit führt zu Lähmung. Wenn ich mich jedoch im Bereich KI weiterbilde und Wege erkenne, aktiv zu werden, kann dies Energie freisetzen.
Einerseits ist die Tech-Branche selbst betroffen, insbesondere klassische Softwareentwickler, aber auch sehr viele Unterstützungsprozesse, wie HR, Marketing, kaufmännische und administrative Arbeit, Finanzen. Hierzu gibt es bereits eine Studie des KOF an der ETH, welche erste Evidenz zu Auswirkungen auf Arbeitslosigkeit und Stellenausschreibungen aufgezeigt hat.
In einer Transformation geht man davon aus, dass Altes geht und Neues kommt. Ich habe aber noch nicht viel Überzeugendes gesehen, dass eine Masse von neuen Jobs entsteht. Klar ist, dass bestehende Rollen sich verändern und neue Jobprofile wie z.B. KI Ethik Spezialist*innen entstehen werden. Ob diese die Masse absorbiert, welche durch Produktivität eingespart werden wird, ist in Frage zu stellen.
Nicht wirklich. Der Unterschied liegt eher in der Agilität. Kleine Teams haben da Vorteile, schnell und pragmatisch zu agieren. Dann gibt es noch die «schlafende Masse», obwohl das Thema in den Medien omnipräsent ist. Selbst meine Mutter, 80-jährig, fragt mich danach. Was sicher auffällt ist, dass Menschen in Wissensberufen aktuell weitaus mehr Druck verspüren, als Mitarbeitende in handwerklichen Berufen oder auf dem Bau.
Geoffrey Hinton, der Godfather of AI, der hat schon letztes Jahr gesagt: Suche einen Handwerker- Job, «Become a plummer». Von Fachleuten habe ich vernommen, dass es erste Anzeichen für mehr Interesse an Handwerksberufen gibt. Hier herrscht auch aktuell noch Fachkräftemangel. Wenn man in einem Wissensberuf tätig ist, sollte man sich im KI-Bereich fit machen. Studien haben gezeigt, dass auf dem Arbeitsmarkt steigender Bedarf an Personen besteht, die KI-Knowhow und vor allem Praxis-Erfahrung mitbringen.
Nicht alle müssen KI-Expert*innen im Sinne der KI-Technologie werden. Mitarbeitende können Anwender-Expert*in werden in der Domäne, in der sie*er schon Erfahrung mitbringen. Bei den Kompetenzen zeigt sich folgendes:
Es besteht die Gefahr, dass wir in eine Rolle hineingedrängt werden und nur noch Output steuern und überprüfen. Das ist kaum für alle befriedigend, nur noch Qualitätsmanager*in zu sein. Darum ist Lernen mit KI und daraus Neues zu erschaffen so wichtig, um nicht in der Produktivitätsfalle zu landen.
Das Wichtigste für die Transformation ist die Veränderung des Mindsets. Unternehmen und Führungskräfte müssen Haltung zeigen. Und das ist herausfordernd: Vor die Leute stehen und Haltung zeigen zu einem Thema, das schwierig zu verstehen ist, sich laufend ändert und unklar ist in der Geschwindigkeit und im Einfluss. Trotzdem braucht eine Organisation Orientierung.
Oft geht es nicht um das Wissen, sondern um die Verhaltensveränderung. Das sehen wir teilweise auch bei Weiterbildungen. Führungskräfte sind begeistert und erkennen, was passiert. Am nächsten Tage werden sie wieder von den Tasks, Meetings und E-Mails in ihrem Alltag überrollt. Teilnehmende, die ihre Denkweise ändern, verändern auch ihr Verhalten und gehen auf den Pfad zusammen mit der Entwicklung.
Ich schätze das Risiko als relativ hoch ein. Wenn Unternehmen heute mit 300 Mitarbeitenden Hunderte von Millionen Umsatz machen können, dann ist es klar, dass es in diese Richtung geht. Und unter den Tech-CEOs gibt es eine Wette, wann das erste Unternehmen mit nur einem Mitarbeitenden und einer Milliarde Unternehmenswert entsteht. Schrumpfen wird als das neue Wachstum angesehen: Schrumpfen bei der Anzahl der Mitarbeitenden und Wachstum mit den neuen Technologien.
Das ist eine schwierige Frage und da gibt es viele Aspekte. Das ist ja keine rationale Entscheidung. Ich finde es wichtig herauszufinden, wo und für was das eigene Feuer brennt, wo die eigenen Talente sind. Man sollte nicht aus irgendwelchen Gründen in ein Gebiet einsteigen, das einem gar nicht zusagt. Als ich in der Sekundarschule war, wollte ich eigentlich mal Lehrer werden. Doch zu diesem Zeitpunkt gab es tatsächlich zu viele Lehrer.
Ich bin dann bei einem klassischen KV, also in der kaufmännischen Ausbildung, gelandet, und bin interessanterweise nach zwanzig Jahren trotzdem in der Bildung tätig. Eine Karriere ist selten ein linearer Weg zu einem Ziel. Es ist sicher wichtig, sich über die Zukunft eines Berufs zu informieren und zu erkennen, wo man Energie spürt. Fast noch wichtiger im Zeitalter der Intelligenz: agil bleiben und sich immer wieder anpassen und neu erfinden.