«Jobless growth»: Die KI arbeitet - Wer sonst?
In den sozialen Netzwerken sorgt das folgende Video für Aufsehen: eine Studentenparty, junge Erwachsene mit einem Drink in der Hand und in der Mitte ein humanoider Roboter, der zur gleichen Musik tanzt. Als Kommentar dazu der folgende Text: «Wir haben ChatGPT zu unserer Abschlussfeier eingeladen, weil er jetzt Teil der Klasse ist!»
Dies ist eine satirische Darstellung einer sehr realen Situation. Seit ihrem Boom im Jahr 2022 hat sich die KI sehr schnell in unserem Alltag etabliert. Begleitet von ihren besten Vertreter*innen stellt sie unsere Arbeitsprozesse, unsere Art, uns zu informieren, und sogar unser Vertrauen in Frage. Wie sieht es also mit den sozialen Beziehungen und vor allem mit den Beziehungen unter Kolleg*innen aus? Da gross angelegte Studien fehlen, haben wir einige Erfahrungsberichte gesammelt.
Das Thema KI ist in den Zeitungen brandaktuell. Anfangs wurden Prognosen über ihre Auswirkungen gestellt; heute wird darüber berichtet. Die Erfahrungsberichte aus den Unternehmen sind zahlreich: Einige sprechen von einem Verlust an Sinnhaftigkeit, von Erschöpfung aufgrund hoher Produktivitätsanforderungen. Aussagen wie: Mit der KI als Hilfe müssen wir letztlich mehr und schneller arbeiten.
Bei den Anhängern der Selbständigen finden sich differenzierte oder sogar gegensätzliche Äusserungen. Ein im Marketing tätiger Selbstständiger berichtet in Le Temps: Seit ein KI-Agent ihn bei seiner Arbeit unterstützt, verfügt er über «die Schlagkraft eines ganzen Teams». Und das ohne Spannungen, endlose Besprechungen oder Missverständnisse. Dies für die bescheidene Summe von 200 CHF pro Monat, wie er präzisiert.
Wir haben den Gründer von «Atout Communication» befragt, einem auf Unternehmenskommunikation spezialisierten KMU mit zwei Partnern. Luca Ferrari relativiert diese Aussagen: «In unserer kleinen Struktur macht uns die KI effizienter, insbesondere bei der Ausarbeitung von Texten. Aber sie ermöglicht es uns nicht, einen Arbeitsplatz einzusparen. Eine Aufgabe, für die ich früher 8 Stunden gebraucht hätte, kann mich heute immer noch 8 Stunden kosten, aber die Zeitaufteilung ändert sich. Ich verbringe weniger Zeit damit, bei Null anzufangen, und mehr damit, zu verbessern, zu verfeinern und zu hinterfragen.»
In diesem Sinne beeinträchtigt die Rolle der KI in keiner Weise den Austausch und die Überlegungen mit seinem Partner. Er betrachtet sie nicht als Mittel, um Spannungen im Team zu vermeiden, sondern um seine Kreativität zu erweitern.
Jede Neuerung, die unsere Gewohnheiten und Verhaltensweisen auf den Kopf stellt, ruft sowohl Misstrauen als auch Begeisterung hervor. Manchmal in extremer Form. Es ist daher leicht vorstellbar, dass Kollegen hinsichtlich der Geschwindigkeit oder der Art und Weise, wie KI in die Prozesse eingeführt wird, gegensätzliche Standpunkte vertreten.
Welche Kriterien spielen bei der Akzeptanz dieser neuen Technologie eine Rolle? Laut dem Arbeitspsychologen Jan Borer spielt die Persönlichkeit dabei eine entscheidende Rolle:
«Die Persönlichkeit spielt eine grosse Rolle, wenn es um Akzeptanz von Technologie geht. Als psychologisches Modell kann hier das Modell Big Five, resp. OCEAN herangezogen werden. OCEAN steht für Openness (Offenheit), Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit), Extraversion (Extraversion), Agreeableness (Verträglichkeit) und Neuroticism (Neurotizismus). Diese Modelle lassen zu, dass wir Ausprägungen unserer jeweiligen Persönlichkeit auf einem Spektrum darstellen können - dadurch können auch begründetet Rückschlüsse auf unsere Einstellungen zu spezifischen Themen genommen werden.
Im Falle der KI-Akzeptanz bietet sich vor allem der Aspekt Offenheit an: Auch unter Openness to Experience bekannt, zeigt dieses Element, wie leicht es uns fällt, uns auf neue Erfahrungen einzulassen. Ist dieser Aspekt hoch ausgeprägt, weist eine Person viel mehr Experimentierfreude auf und lässt sich eher auf die (neue) Erfahrung von KI am Arbeitsplatz ein. Natürlich kann eine niedrige Ausprägung das Gegenteil zur Folge haben. Unsere Persönlichkeit hat also nachhaltig Einfluss darauf, wie wir die Einführung und Nutzung von KI wahrnehmen.»
Diese Aussagen werden von Luca B. bestätigt, der im Bereich Engineering und Führung bei Uster tätig ist: «Konflikte manifestieren sich vor allem im Lagerkampf ‚für/gegen KI‘ und als Spannung zwischen Schnelligkeit und Sorgfalt. Skepsis tritt vor allem dort auf, wo die Ergebnisse der KI überprüft werden müssen oder wo Unsicherheiten in Bezug auf Compliance oder Datenschutz bestehen. Anfangs gab es Fälle, in denen von der KI generierte Ergebnisse ohne vorherige Überprüfung an Kollegen weitergegeben wurden. Was natürlich ein absolutes No-Go ist.»
Philippe P., Stabschef bei der Eidgenossenschaft, stiess nicht auf starken Widerstand. «Meine Mitarbeiter sind eher neugierig, offen und bereit, sich über bewährte Praktiken auszutauschen. Sie helfen sich gegenseitig, das Beste aus den Programmen herauszuholen. Ich stelle dennoch einige negative Punkte fest. Seit KI das Verfassen von E-Mails ermöglicht, erhalten wir mehr davon, und zwar mit überlangen Inhalten. Das wird schnell nervig. Ausserdem nutzen einige sie, um Abläufe mechanisch und ohne Kontrolle zu analysieren, was ebenfalls nicht in Ordnung ist. »
Alle sind sich also einig, dass KI mit kritischem Blick betrachtet werden muss, indem man ihre Ergebnisse sowie ihren Nutzen für die Optimierung bestimmter Prozesse überprüft. Dies verleiht der Teamarbeit laut Luca B. mehr Pragmatismus: «Die Teams kommen schneller in Gang oder iterieren früher, da ein ‚erster Entwurf‘ weniger kostet. Die Angst vor dem leeren Blatt verschwindet, da ein erster Entwurf von der KI verfasst wird und anschliessend verbessert werden kann. » Sein Fazit: Es ist eine spürbar nützliche Unterstützung. Aber der wahre Nutzen wird erst durch Schulungen und klare Spielregeln entstehen.
Damit spricht er einen wesentlichen Punkt an. Frustrationen entstehen, wenn innerhalb der Teams grosse Ungleichheiten hinsichtlich der Beherrschung der KI-Tools bestehen. Und wenn das Unternehmen darüber hinaus deren Nutzung nicht geregelt hat, spricht man von Phantom-KI: Jeder nutzt seine eigenen Tools entsprechend seinen persönlichen Kompetenzen, manchmal ohne Rücksicht auf den Datenschutz. Stellen dir die Frustration vor, wenn dein*e Kolleg*in doppelt so produktiv wird wie du, weil sie*er die KI heimlich nutzt? Unternehmen tragen daher eine Verantwortung für die Regulierung der Tools und die Schulung des Personals.
«Eine Kernaufgabe der Führungsebene ist es, unterschiedliche Persönlichkeiten und Bedürfnisse zu einem schlagkräftigen und effizienten Team zusammenzuführen. Somit ist es Verantwortung der jeweiligen Führungsperson, Sorgen, Ängste und Bedürfnisse von Mitarbeitenden abzuholen. Im Falle von KI kann das sein, dass Zugang zu Schulungen erleichtert wird, offene Gespräche geführt werden oder dass bei Konflikten Mediation betrieben wird. Die rasante KI-Entwicklung sowie die Tatsache, dass wir immer mehr in kleineren Teams arbeiten, machen die Aufgabe der Führung wichtiger denn je.»
Angestellte Schweiz hat sich frühzeitig mit der Einführung von KI in Unternehmen befasst. Der Verband bietet seinen Mitgliedern kostenlose Kurse an und seit kurzem auch Zugang zur Lernplattform «Road to Knowledge» der Kuble AG, die Sie beim Erlernen dieser Technologie unterstützt. Das Abonnement für 190 CHF pro Jahr ist für unsere Mitglieder kostenlos. Darüber hinaus sind wir Mitbegründer des Kollektivs einstAIn, das Akteure aus allen Bereichen zusammenbringt, um die Auswirkungen der KI auf die Arbeitswelt zu antizipieren. Damit die Produktivitätsgewinne, die sie ermöglicht, allen zugutekommen!