«Jobless growth»: Die KI arbeitet - Wer sonst?

Einige Tech-Giganten verzeichnen ein Umsatzwachstum von über 50 % bei gleichbleibender Mitarbeitenden-Zahl. Die Beschäftigten sehen sich mit immer vielfältigeren Aufgaben konfrontiert, doch das Arbeitstempo bleibt unverändert hoch. 

Wir schreiben das Jahr 2030. Mélanie, 42 Jahre alt, arbeitet als Ingenieurin in einem mittelgrossen Industrieunternehmen. Noch vor wenigen Jahren koordinierte sie ein Team aus fünf Mitarbeitenden, plante Prozesse, analysierte Daten und verfasste technische Berichte. Heute übernimmt ein KI-System einen Grossteil dieser Aufgaben – in Sekundenschnelle. Das Unternehmen produziert mehr als je zuvor, die Gewinne steigen – doch neue Stellen entstehen kaum. Einige Funktionen wurden zusammengelegt, andere sind ganz verschwunden. Mélanie hat noch Arbeit, aber ihr Berufsalltag hat sich grundlegend verändert. Sie fragt sich: Wer profitiert wirklich vom technologischen Fortschritt? 

«Jobless Growth»: Wirtschaftswachstum ohne neue Stellen 

Viele Unternehmen investieren massiv in KI und Automatisierung – und bleiben gleichzeitig bei den Neueinstellungen zurückhaltend. Ihr Ziel: höhere Produktivität mit weniger Personal. Besonders betroffen sind administrative Aufgaben und klassische Büroberufe.  

Genau das beschäftigt heute Ökonom*innen und Sozialpartner weltweit. Künstliche Intelligenz könnte die Wirtschaft in den kommenden Jahren erheblich wachsen lassen – ohne dass gleichzeitig neue Arbeitsplätze entstehen. Fachleute sprechen bereits von «Jobless Growth», einem Phänomen, das Wirtschaftswachstum ohne Stellenzuwachs bezeichnet. Die Chefökonom in von KPMG, Diane Swonk, warnt gar vor einer historischen Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Arbeitsmarkt. 

Neue Arbeitsrhythmen 

Eine Studie der Harvard Business Review hat kürzlich untersucht, wie KI die Aufgaben in einem amerikanischen Tech-Unternehmen mit rund 200 Mitarbeitenden beeinflusst. Die Ergebnisse: 

  • Mehr Aufgaben, höheres Tempo: Die Zeit, die KI bei bestimmten Tätigkeiten einspart, wird durch neue Aufgaben aufgefüllt – etwa die Überprüfung von KI-Daten und Nachkontrollen. 
  • Breiteres Aufgabenspektrum: Produktverantwortliche haben dank KI beispielsweise begonnen, selbst zu coden. 
  • Paralleles Arbeiten: Das gleichzeitige Bearbeiten mehrerer Aufgaben empfinden viele als zusätzlichen Stress. 

Was das für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bedeutet 

Technologischer Fortschritt ist für Arbeitnehmende grundsätzlich positiv. Problematisch wird es, wenn die Produktivitätsgewinne fast ausschliesslich bei Kapital, Plattformen und hochqualifizierten Spezialist*innen landen. Die zentrale soziale Frage des KI-Zeitalters lautet daher nicht: Wächst die Wirtschaft? Sondern: Wer nimmt noch daran teil? 

KI darf nicht zu einem Wachstum ohne Teilhabe führen, das ist die eigentliche Herausforderung. Wenn die Produktivität steigt, ohne dass Beschäftigung, Löhne oder Perspektiven der Erwerbstätigen davon profitieren, entsteht ein soziales Ungleichgewicht. Für die Schweiz und ihr Modell der Sozialpartnerschaft stellt sich die Frage besonders dringlich: Wie sichern wir gemeinsam technologische Entwicklung und sozialen Zusammenhalt? 

Angestellte Schweiz ist aktiv dabei 

Für Arbeitnehmendenverbände geht es nicht darum, KI zu bremsen, sondern aktiv mitzugestalten, wie sie eingeführt wird. Investitionen in die Weiterbildung, Mitbestimmung im Unternehmen und eine faire Beteiligung der Mitarbeitenden an Produktivitätsgewinnen sind entscheidend. Denn wirtschaftlicher Fortschritt gelingt langfristig nur, wenn möglichst viele daran teilhaben. 

In diesem Sinne bringt sich Angestellte Schweiz aktiv in diese Debatte ein – unter anderem mit Initiativen wie dem Think Tank «Einstain». Das Ziel: die Auswirkungen von KI frühzeitig aus der Perspektive der Arbeitnehmenden analysieren, gesellschaftliche Entwicklungen einordnen und konkrete Impulse für Politik, Wirtschaft und Sozialpartnerschaft formulieren. Denn wie wir morgen arbeiten wollen, darf nicht allein von technologischen Möglichkeiten bestimmt werden. 

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Autor*in

Laure Fasel

Laure Fasel

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