Die Zeit ist reif

Erschüttert und entzweit uns etwas, halten wir inne, nehmen Abstand und planen neu. Genau an diesem Punkt stehen wir, seit Künstliche Intelligenz (KI) in unsere Büros eingezogen ist.

Manuel Gentinetta tippt mit den Fingern auf seinen Schreibtisch. Bis jetzt war ihm nicht bewusst, welche strategischen Überlegungen er sich als CMO der Outdoor Switzerland AG, einem Freizeit- und Bergsportanbieter in der Jungfrau-Region, machen müsse: «Mein Bauchgefühl sagt mir, dass wir die aktuellen Fähigkeiten von KI überschätzen, aber massiv unterschätzen, was in fünf Jahren möglich sein wird.»

Auch sein Kollege Ueli Amstad, CFO, ist nicht nur durch seine Weiterbildung «Digitalisierung und KI im Accounting» mit der Transformation von Arbeit konfrontiert. Er mache sich schon länger Gedanken, schliesslich verantworte er den Bereich HR und Finanzen. Grössten Respekt habe er davor, wie Ergebnisse mit KI zustande kämen. «Automatisierung, wo führt das hin, wenn man nicht mehr selbst studiert», sagt er.

Ueli fährt sich mit der Hand über die Stirn, Manuel dreht den Stift zwischen den Fingern. In ihren Gesichtern liegt Anspannung, als wüssten sie es längst: Ein Umbruch steht bevor.

Während Tech-CEOs wie Elon Musk KI als Heilsbringer feiern und eine völlig neue Welt versprechen, stehen Führungskräfte und Mitarbeitende noch am Anfang ihrer KI‑Reise. Manuel und Ueli sind zwei von vielen.

Manuel Gentinetta, links, und Ueli Amstad, rechts, prüfen die Möglichkeiten der KI für Outdoor.

Ein Blumenstrauss an Aufgaben

Manuel sitzt am Computer im Grossraumbüro in der neuen «Base» des Unternehmens am Fusse der Berge. Klappernde Tastaturen, die Konzentration im Raum ist spürbar. Bereits heute erledigen Sprachmodelle einen Blumenstrauss an Aufgaben für sein Team. Manuel ist begeistert: Die KI bereitet Daten auf, schreibt, übersetzt und inspiriert mit Ideen. Somit können jetzt schon externe Dienstleister*innen eingespart und effizient gearbeitet werden. Immer wieder verweist er auf den «Human Loop», die menschliche Kontrolle zur Qualitätssicherung, die es aus seiner Sicht dringend brauche.  

Eine Einschätzung, die auch KI-Experte Roger Oberholzer, Partner und Academy Lead bei Kuble – House of Intelligence, teilt. In Zürich-Binz schult er Mitarbeitende und Führungskräfte im Umgang mit KI. Er meint, dass zwei menschliche Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt wichtiger werden: «Urteilskraft und Gespür», das heisst, entscheiden zu können, welchen Weg man weiterverfolgt und warum. Beides könne KI nicht.

«KI liefert uns zwar unendliche Möglichkeiten, aber unser Urteil und Gespür machen daraus Relevanz, Charakter und Stil.»

Roger Oberholzer, KI-Experte

Echt bleiben

Authentisch sein ist Manuel wichtig. KI‑generierte Bilder kämen für ihn nie infrage, nur die echten Berge, nichts Simuliertes. Auch er trägt Bergsportjacke mit Firmenlogo. Aber durch die KI sei nun vieles möglich: Ideen und Angebote, die vor einem Jahr noch undenkbar waren, rücken in Reichweite.

Ueli, mit dem Team auf einem anderen Stockwerk untergebracht, ist etwas vorsichtiger. Er sei kein Visionär, sondern behandle das Thema nach und nach. Automatisierung durch KI betreffe buchhalterische Aufgaben. Mitarbeitende müssten zukünftig IT-affiner sein. Auch wenn es heisst, HR-Prozesse seien stark von KI-Automatisierung betroffen, sieht er den menschlichen Aspekt dieser Tätigkeit im Fokus. Beide Abteilungsleiter, Manuel und Ueli, sträuben sich bei dem Gedanken, Mitarbeitende einzusparen. Sie sind überzeugt, dass es nicht weniger Mitarbeitende geben wird, sondern neue Aufgaben.

«Authentisch sein, das ist mir wichtig.»

Manuel Gentinetta, Chief Marketing Officer von Outdoor

Kritische Entwicklungen

Manuel verweist darauf, was internationale CEOs sagen: Ravi Kumar S. betone am WEF, KI steigere nicht nur die Produktivität, sondern verändere Tätigkeiten grundlegend. Auch er rechne damit, dass Jobs verschwänden und neue entstünden.

Roger Oberholzer in Zürich-Binz trübt die positiven Aussichten. Das enthusiastische Bild einer sich selbst regulierenden Arbeitswelt würde durch einige Studien vom letzten Jahr relativiert. «In einer Transformation geht man davon aus, dass Altes geht und Neues kommt. Ich habe aber noch nicht viel Überzeugendes gesehen, dass eine Masse von neuen Jobs entsteht», sagt er. Eine Studie der ETH-Zürich zeige auf, dass die Zahl der arbeitslosen Stellensuchenden in stark KI-exponierten Berufen um bis zu 27% gestiegen sei. Gewichtige Stimmen wie Dario Amodei, CEO von Anthropic, würden einen sehr raschen negativen Effekt voraussagen, insbesondere in der Wissensarbeit und auf Einstiegslevel.

Auf dem Tisch liegt ein Artikel des KI-Ethikers Peter G. Kirchschläger. Dieser geht noch weiter: Kirchschläger warnt, dass bezahlte Arbeit knapp wird, über die Hälfte der Schulkinder nie berufstätig sein könnte und die Politik dringend handeln müsse.

Davon ist Buchhalterin Chesine Wilde, die schon viel erlebt hat, nicht mehr betroffen.

«Existenzangst ist eine Urangst. Man darf sich davon nicht lenken lassen.»

Chesine Wilde, Buchhalterin

Angst ist keine Lösung

Chesine steht im Pausenraum der BUSS AG in Pratteln. Sie ist gutgelaunt. In einer Ecke hängt ein Boxsack – ungenutzt. Während auf grosser Bühne das KI-Thema diskutiert wird, ist sie entspannt. Dass ihre Buchhaltungsaufgaben automatisiert werden könnten, lässt sie unbeeindruckt: «Existenzangst ist eine Urangst. Man darf sich davon nicht lenken lassen.» Sie lebe nach der Devise, wenn eine Tür zugeht, öffne sich eine andere.

In der «Base» der Jungfrau-Region hat sich tatsächlich eine Tür geöffnet. Manuel und Ueli haben das Thema in den letzten Wochen intensiv diskutiert. Manuel prüft zwar derzeit den Einsatz von KI‑Agents, doch beide sind sich einig: Es bräuchte eine neue Stelle, die alle KI‑Ideen bündelt, zu einer Strategie formt, umsetzt und vorantreibt. Dies auch, um den Mitarbeitenden zu zeigen, dass KI und Unternehmensplanung so zusammengeführt werden, dass sie ihnen zugutekommt. Die Zeit dafür ist reif.

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