Exnovation statt Innovation

Exnovation beendet, was Innovation begonnen hat. Und wir brauchen sie drin-gender denn je – gerade jetzt, wo uns die Innovationen des 19. Jahrhunderts zu-nehmend unter Druck setzen.

Warum Aufhören der wichtigste Anfang des Jahres ist

Wie jedes Jahr lädt uns der Jahresanfang dazu ein, Grosses zu planen. Manche wollen mehr Sport treiben, andere wollen endlich befördert werden und mehr Lohn erhalten, wieder andere private Projekte anreissen: endlich den Hühnerstall umbauen oder einen Pullover stricken.

Gewiss, dieses Streben nach Neuem ist aufregend, aber es macht uns auch müde. Ständig ist etwas zu tun, zu verbessern und hinzuzufügen. Kein Wunder stauen sich in unseren Schränken die Kleider, auf unseren Computern die offenen Tabs und auf unseren Smartphones die Fotos und unbeantwortete Nachrichten. Aber vielleicht sind gar nicht die vielen Anfänge das Problem, sondern die wenigen Enden.

Wenn heute über die Zukunft gesprochen wird, hört man vermehrt den Ruf nach Reduktion, nach Fokus, nach «Qualität statt Quantität». Und genau hier kommt ein Konzept ins Spiel, das oft übersehen wird, wenn über gesellschaftlichen und betrieblichen Wandel nachgedacht wird: Die Exnovation. Die übersehene Schwester der Innovation will nicht anfangen, sondern beenden. Sie bezeichnet das bewusste Ende von Innovationen, die einmal ihren Zweck und ihren Reiz hatten, aber über die Zeit untragbar geworden ist.

Das Exnovieren steht damit auch für das Weglassen, das achtsame Beenden, den strategischen Abschied von Dingen, die nutzlos oder sogar gefährlich geworden sind. Exnovation ist der Mut, aufzuräumen – nicht aus Prinzip, sondern um wieder handlungsfähig zu werden.

Wie ich zur Exnovation kam

In den ersten Lebensjahren begeistern uns Innovationen. Zum Beispiel die sozialen Medien. War es nicht aufregend, als wir in den ersten Monaten Facebook genutzt haben? Das endlose Scrollen und die Fakenews waren damals noch ganz weit weg.

Doch Innovationen altern. Manche verursachen heute mehr Komplexität als Klarheit und mehr Nebenwirkungen als Nutzen. In Unternehmen binden alte Kanäle und Lösungen nicht nur Zeit, sondern auch Geld und Fähigkeiten der Mitarbeitenden, Sie blockieren Alternativen, die besser wären, aber keinen Raum finden. Exnovation bedeutet, die Probleme von einst gefeierten Ideen anzuerkennen und ihnen einen würdigen Abschied zu geben.

Das erste Mal begegnet bin ich der Exnovation bei meinen Recherchen zu «Veganomics». Ich arbeite in diesem Buch das Gedankenspiel aus, wie eine Zukunft aussehen könnte, in der die Menschen kein Fleisch, keine Milch, keine Eier und kein Leder mehr brauchen. Dabei merkte ich, dass das Problem auf dem Weg in diese Zukunft gar nicht die fehlenden Innovationen sind. Denn Würste ohne Fleisch, Milch ohne Euter, ja sogar Leder ohne Tierhaut gibt es längst.

Doch für den Wandel in eine vegane Zukunft wird es nicht reichen nur zu innovieren, sondern es braucht auch den Ausstieg aus alten Gewohnheiten. Das gilt auch in der Verkehrswende oder auf dem Weg in eine andere Arbeitswelt.

Exnovation ist kein Verlust

Der entscheidende Gedanke für eine Zukunft durch Exnovation: Aufhören ist kein Verlust, sondern eine Befreiung und eine Aufforderung, andere Wege zu testen. Seit ich – primär aus tierethischen Gründen keine tierischen Produkte mehr kaufe – halte ich selber Hühner, die bis zu ihrem natürlichen Tod im Garten herumlaufen dürfen. Oder ich habe durch den Verzicht auf tierische Lebensmittel gelernt indisch zu kochen. Plötzlich geniesse ich es am Samstag früh aufzustehen und auf den Markt zu gehen. Wer sich von Überholtem trennt, entscheidet sich aktiv für das Potenzial des Kommenden.

Auf einer Meta-Ebene folgt die Exnovation fünf Schritten. Zuerst werden Nebenwirkungen sichtbar – sei es nun einer tierproteinreichen Ernährung oder beim Bauen mit Zement oder bei der täglichen Nutzung des Autos. All das sind Mega-Innovationen, die im 19. Jahrhundert wurzeln. In einem zweiten Schritt entstehen Gegenkulturen, welche die Nebenwirkungen alter Innovationen sichtbar machen und Alternativen entwickeln. In einem dritten Schritt kommt es zu Widerständen gegen diese Alternativen und zu Anfeindungen gegen die Initiantinnen und Initianten der Exnovation. Zuletzt wird das Alte strategisch abgeschafft und die alte Innovation wandert in die Nische – wie die Pferdekutsche, die CD oder das Faxgerät.

Diese Schritte klingen formell, aber sie beschreiben, wie Menschen funktionieren: Wir lernen ein Problem besser kennen, suchen nach Alternativen, probieren Neues aus, ringen mit unseren Gewohnheiten – und irgendwann erkennen wir, dass Loslassen unvermeidbar ist.

Warum das Aufhören schwerfällt und wie es trotzdem gelingt

Dummerweise ist das Exnovieren viel schwieriger als die Innovation. Etwas Neues ist schnell in die Welt gesetzt, es wieder loszuwerden kann Monate, Jahre, Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte dauern. Das hängt wesentlich damit zusammen, dass der Mensch ein Lebewesen ist, das lieber anfängt als aufhört. Sich zu verlieben ist angenehmer als sich zu trennen, Geburten lösen Tränen des Glücks aus, Todesfälle Tränen der Trauer.

Der Exnovation stehen darüber hinaus drei Denkfehler im Weg: Erstens der Glaube, dass Neues per se gut ist. Es soll Glück, Geld und Identität bringen. Zweitens haben wir Angst vor dem Verlust – von Kontrolle, Routine oder Status. Drittens schätzen Menschen die Zukunft häufig falsch ein.

Mögliche Verluste wirken stärker auf unsere Emotionen ein als mögliche Gewinne. Zudem unterschätzen Menschen exponentielle Entwicklungen. Manager*innen und Politiker*innen tun sich schwer mit Veränderungen, die zuerst langsam beginnen, aber dann immer schneller die Welt verändern. Das ist nicht nur relevant, weil sich Lebensstile schnell ändern können, sondern auch weil die Nebenwirkungen alter Innovationen immer krasser ausfallen können. Das beste Beispiel ist der Klimawandel. Diese drei Denkfehler führen dazu, dass wir die Exnovation stiefmütterlich behandeln, weil wir uns nicht vorstellen können, wie befreiend es ist, wenn etwas weg ist.

Gute Exnovation ist kein Kahlschlag, sondern ein bewusst gestalteter Übergang. Sie braucht klare Begründungen, transparente Kommunikation und psychologische Sicherheit. Menschen müssen spüren, dass Aufhören nicht bedeutet, überflüssig zu werden – sondern wichtig für die Weiterentwicklung des Ganzen zu sein.

Qualität statt Quantität – eine Einladung

Was hilft in einem Betrieb, der das Aufhören und das Entschlacken lernen will? Zum Beispiel ein Exnovations-Briefkasten, in den Mitarbeitende anonym Abschiedswünsche einreichen können. Auch Regnose-Übungen wirken befreiend. Man versetzt sich ins Jahr 2035 und fragt nicht wie üblich, was neu entstanden sein wird, sondern was verschwunden ist – und warum das gut war. Wer systematisch vorgehen will, arbeitet mit einem Canvas der Exnovation, um im Team systematisch zu prüfen, was wegfallen sollte. Und wer es technisch mag, fragt eine KI nach potenziellen Exnovationen, gerade weil sie keine politischen oder emotionalen Barrieren kennt und deshalb vielleicht einfacher Dinge benennen kann, die es zu exnovieren lohnt.

Vielleicht ist der Jahresanfang genau der richtige Moment, um umzudenken. Statt die Agenda voller zu machen, können wir sie leerer machen. Statt hinzuzufügen, nehmen wir weg. Statt den Einsatz zu erhöhen, erhöhen wir die Wirksamkeit. Qualität statt Quantität bedeutet: Wir befreien uns vom Ballast. Wir geben uns selbst die Erlaubnis, klarer, fokussierter und wirkungsvoller zu leben oder auch arbeiten.

Was wäre, wenn wir 2026 entdecken, dass Aufhören manchmal der klügste Anfang ist?

Autor*in

Joel Luc Cachelin

Joel Luc Cachelin

Gastautor

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