«Armut wird häufig als persönliches Versagen wahrgenommen.»

Armut hat viele Hintergründe, das weiss Laura Brechbühler nur zu gut.

Als Verantwortliche Politik im Team Grundlagen und Politik bei der Caritas Schweiz beschäftigt sie sich täglich mit den Realitäten von Menschen, die in der wohlhabenden Schweiz kaum über die Runden kommen. Ob Kinder, Familien oder Alleinstehende: Sie kennt die Zahlen, die Lücken im System und sie hat klare Forderungen.

Frau Brechbühler, hatten Sie schon einmal «Ebbe im Portemonnaie»?

Ich bin bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Alleinerziehende müssen leider oft mit wenig Geld auskommen. Als Kind habe ich nicht gespürt, dass wir Ebbe im Portemonnaie hatten. Heute weiss ich aber, dass meine Mutter häufig bei sich selbst gespart hat.

Leben alle Menschen in der Schweiz im Luxus?

Alle, die das behaupten, sollten sich mit den Fakten auseinandersetzen - oder auch mit sozialen Institutionen in der Schweiz sprechen, die regelmässig mit Leuten mit wenig Geld zu tun haben. Armut in der Schweiz ist eine Realität.

Und das sagen nicht nur wir von Caritas Schweiz, sondern es wird vom Bundesamt für Statistik bestätigt. Die neuesten Armutszahlen zeigen, dass ungefähr 8 % der Bevölkerung unter dem Existenzminimum leben. Und nochmals so viele sind von Armut bedroht. Sprich, 16% der Bevölkerung haben zu wenig Geld zum Leben.

Das heisst: Armut ist in der Schweiz ein reales Problem. Die Armutsquote hat sich in den letzten Jahren chronifiziert. Die Armutsrate sinkt nicht, sondern bleibt konstant auf einem hohen Niveau.

Gibt es ein Muster in den Lebensläufen der armutsgefährdeten Personen?

Es gibt bestimmte Gruppen, die ein erhöhtes Armutsrisiko aufweisen. Die Alleinerziehenden zum Beispiel. Man sieht, dass 32,2 % aller Alleinerziehenden mit Kindern unter 17 Jahren von Armut betroffen oder bedroht sind. Das ist ein sehr hoher Anteil.

Dann gibt es auch andere Gruppen mit einem erhöhten Armutsrisiko, z.B. Personen ohne obligatorischen Schulabschluss, nicht Erwerbstätige oder Menschen in atypischen Arbeitsverhältnissen. Auch alleinlebende Menschen und Familien mit mehr als drei Kindern sind häufiger von Armut betroffen und bedroht.

Wie wird man arm?

Armut hat vielfältige Ursachen. Ein kritisches Lebensereignis, bspw. ein gesundheitliches Problem oder ein Jobverlust, sind häufig Auslöser von Armut.

Auch kleine Kinder sind leider ein bedeutendes Armutsrisiko. Die Kinderbetreuung ist teuer. Es lohnt sich für einige Eltern nicht, erwerbstätig zu sein, da der Lohn gleich wieder für die Kita ausgegeben werden muss.

Ebenfalls sind die steigenden Lebenshaltungskosten ein zunehmendes Armutsrisiko. Da denke ich z.B. an die steigenden Mieten oder Krankenkassenprämien, die für sehr viele Haushalte ein grosses Problem darstellen. 

Was müsste man aus Ihrer Sicht gegen Armut tun?

Um Armut zu bekämpfen, muss man in mehreren Bereichen ansetzen, etwa bei den Prämienverbilligungen. Sie sind ein bestehendes und wirksames Instrument, das insbesondere Familien gezielt entlastet.

Es braucht ebenfalls Investitionen in preisgünstigere Wohnungen, damit auch Menschen mit wenig Geld gut wohnen können. Ebenso muss das Weiterbildungsangebot ausgebaut werden, damit sich auch Menschen mit wenig Geld durch Bildung ein höheres Einkommen ermöglichen können.

Kommt das Sozialsystem an seine Grenzen?

Unser Sozialsystem sichert die Risiken zu einem gewissen Grad ab. Aber auch nur während einer gewissen Zeit. Wenn z.B. ein gesundheitliches Problem länger dauert, verliert man die soziale Absicherung. Und es gibt Lücken: Ein Arbeitslosengeld ist auf 70% oder 80 % des vorherigen Lohns beschränkt. Wenn man einen tiefen Lohn hatte und damit eine Familie ernähren muss, dann reicht das schlicht und einfach nicht. Das haben wir während der Covid-Pandemie stark gemerkt. Viele Menschen mit niedrigen Löhnen sind durch die Pandemie völlig unverschuldet in die Arbeitslosigkeit gerutscht und konnten ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Ein Teufelskreis.

Rund 20% der Bevölkerung beispielsweise kann eine unerwartete Ausgabe von 2'500 Fr. nicht begleichen, etwa für eine Zahnarztrechnung. Wenn man in einem einkommensschwachen Haushalt lebt und man erkrankt und kann deswegen weniger arbeiten, steht man vor grossen Problemen. Das kann der Anfang einer Armutsspirale sein: man kann seine Rechnungen nicht zahlen, muss Schulden machen, hat Probleme, einen neuen Job zu finden, findet keine neue Wohnung, es entstehen noch mehr Stressgefühle und gesundheitliche Probleme.

Bringt die Schweiz Menschen schneller in Armut?

Nein, das kann man so nicht sagen. Die Armutsgefährdungsquote in der Schweiz liegt etwa im EU-Mittel.

Aber es gibt ein paar Fragezeichen: In keinem anderen europäischen OECD-Land muss man beispielsweise für die familienexterne Kinderbetreuung so viel Geld ausgeben wie in der Schweiz. Auch deshalb haben viele Familien in der Schweiz finanzielle Probleme.

In anderen Ländern ist es so, dass die Gesundheitskosten häufig einkommensabhängig sind. In der Schweiz sind aber die Selbstzahlungen für alle gleich und im Direktvergleich sehr hoch. Egal, ob man 3000 oder 30‘000 Franken im Monat verdient: die Krankenkassenprämie, der Selbstbehalt, alle müssen grundsätzlich gleich viel zahlen. Das ist alles einkommensunabhängig.

«Armut ist ein Stigma» schreiben Sie auf Ihrer Website – was heisst das genau?

Armut wird häufig als ein persönliches Versagen wahrgenommen, statt als eine Folge von strukturellen Faktoren wie prekäre Arbeitsverhältnisse, Krankheit, Jobverlust oder steigende Lebenshaltungskosten.

Das führt dazu, dass Armutsbetroffene sich schämen und versuchen, ihre finanzielle Situation zu verstecken. Das kann weitreichende Folgen haben. Wir wissen beispielsweise, dass Kinder, die in Armut aufwachsen, schlechtere Chancen auf Bildung haben. Gemäss den aktuellen Zahlen sind 315'000 Kinder in der Schweiz von Armut betroffen oder bedroht. Familienarmut und Kinderarmut sind ein grosses Problem in der Schweiz.

Kinder, die bei Eltern aufwachsen, die Sozialhilfe beziehen, haben viel seltener eine nachobligatorische Bildung. Das heisst: Die sozioökonomische Herkunft der Eltern beeinflusst die Bildungschancen der Kinder sehr stark. Wenn man bei Akademiker-Eltern aufwächst, hat man viel höhere Chancen, auch einen Uniabschluss zu machen.

Was macht die Caritas gegen Armut?

Wir unterstützen betroffene Menschen direkt, beispielsweise durch vergünstigte Angebote in den Caritas-Märkten oder Secondhand-Läden, durch Sozial- und Schuldenberatungen oder Arbeitsintegrationsprogramme. Das Angebot wird rege genutzt. Die Caritas-Märkte schreiben z.B. seit mehreren Jahren Rekordzahlen – das ist ein Hinweis auf die steigende Prekarisierung der Bevölkerung.*

Wir versuchen zudem, Armut sichtbar zu machen. Wir reden darüber und thematisieren die Folgen. Wir machen unter anderem Öffentlichkeitsarbeit, Kampagnen, Studien und sind politisch aktiv, um auf struktureller Ebene Verbesserungen zu erreichen. Wir haben gerade eine neue Webplattform über Armut lanciert. Dadurch tragen wir zu einer Sensibilisierung in der Medienlandschaft, Politik, aber auch der ganzen Bevölkerung bei. Wir möchten aufzeigen, dass es auch in der Schweiz Armut gibt und meist strukturelle Gründe dafür ausschlaggebend sind. Das ist uns sehr wichtig.

Haben Sie ein aktuelles Herzensprojekt?

In der Schweiz soll ein Sanierungsverfahren für hochverschuldete Menschen mit tiefen Einkommen eingeführt werden. Das Ziel ist, dass Menschen mit hohen Schulden, die keine Chance haben, ihre Schulden selbst zurückzuzahlen, unter gewissen, sehr strengen Bedingungen von ihren Schulden befreit werden können. Dieses Thema beschäftigt mich sehr und ich finde es sehr wichtig.   

Die Caritas feiert 125-jähriges Jubiläum. Hat sich ihre Vision geändert?

Wir haben seit Januar 2026 eine neue Strategie und unseren Planungshorizont gekürzt.

Wir denken nicht mehr in einem 5-Jahres-Rhythmus, sondern unsere Strategie wird laufend überprüft und angepasst. Während die Strategie den Schwerpunkt unserer Arbeit definiert, steht im Kern unsere Vision. Diese ist unverändert, und zwar, dass wir die Armut in der Schweiz und weltweit überwinden möchten: Wir wollen eine Welt ohne Armut.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

*Prekarisierung bezeichnet den gesellschaftlichen Prozess, bei dem Arbeit und Lebensverhältnisse zunehmend unsicher, instabil und ungeschützt werden.

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