«Unsere Mission entspricht ganz den aktuellen Bedürfnissen»

Unser neuer Geschäftsführer ist kein Unbekannter: Seit 2017 setzt er sich bei Angestellte Schweiz für die Rechte der Arbeitnehmer*innen ein. In diesem Interview geht es daher um seine bisherigen Erfolge, seine aktuellen Beweggründe und seine Wünsche für die Zukunft unserer Organisation.

Pierre, du hast deine Karriere bei Angestellte Schweiz als Rechtsanwalt begonnen. Warum hast du dich nach einem Bachelor-Abschluss in Internationalen Beziehungen für einen juristischen Beruf entschieden?

Ich habe mich 2007, während des Wahlkampfs von Barack Obama, für Internationale Beziehungen entschieden. Dieses Ereignis hat mich sehr inspiriert und mein Interesse an Geschichte und Politik bestärkt. In Genf war das Recht ein fester Bestandteil des Studiengangs. Es erschien mir als das konkreteste und am besten strukturierte Fachgebiet, um direkten Einfluss auf die Gesellschaft und die Menschen zu nehmen. Daher meine Entscheidung, mich anschliessend voll und ganz diesem Bereich zu widmen.

Und das Arbeitsrecht – war das eine Selbstverständlichkeit?

Als ich mein Anwaltspatent erhielt, wusste ich vor allem, was ich nicht tun wollte: zum Beispiel Steueroptimierung für multinationale Konzerne. Mein Ziel war es, zu mehr sozialer Gerechtigkeit beizutragen, der schwächeren Vertragspartei zu helfen, ihre Rechte durchzusetzen oder zu verbessern. Ich absolvierte ein Praktikum im Bereich der Opferhilfe, und letztendlich war mein Einstieg bei Angestellte Schweiz ein glücklicher Zufall.

Gab es in all den Jahren eine Situation, die dich besonders geprägt hat und dich für die Zukunft antreibt?

Es ist schwer, nur eine einzige zu nennen, aber bestimmte Situationen hallen besonders nach. Zum Beispiel eine junge Mutter, die als Personalvertreterin bei einer Massenentlassung Aussergewöhnliches geleistet hat und es so geschafft hat, eine ganze Reihe von Arbeitsplätzen zu retten, obwohl sie wusste, dass sie ihren eigenen verlieren würde. Oder Menschen, die trotz langjähriger Erfahrung und grosser Kompetenz in ein Burnout geraten und die wir begleiten müssen. Das sind Menschen, deren Aufrichtigkeit und Würde angesichts von Widrigkeiten ich bewundert habe. Ich bin immer wieder beeindruckt davon, was die Beschäftigten leisten – von der Gelassenheit, der Kreativität und der Widerstandsfähigkeit, die sie in schwierigen Situationen an den Tag legen. Ich hatte die Aufgabe, unseren Mitgliedern zu helfen, sie zu beraten und für sie einzustehen, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich den Eindruck, dass sie mir – wenn wir zusammenarbeiten – sicherlich mehr beibringen als umgekehrt. Ihr Mut muss uns auf jeden Fall als Vorbild dienen.

«Angesichts der aktuellen Lage sind die Unsicherheiten, mit denen Berufstätige konfrontiert sind, real und spürbar. Ich bin überzeugt, dass es ein wiederauflebendes Interesse an gewerkschaftlich ausgerichteten Organisationen gibt. Vor allem, wenn sie ihre Innovationskraft mobilisieren, um sich an die aktuellen Bedürfnisse anzupassen.»

Pierre Derivaz Geschäftsführer

Die Leitung zu übernehmen ist eine Herausforderung; worauf beruht deine Motivation?

Zunächst einmal dieser anhaltende Wunsch, einen positiven Einfluss auf Menschen auszuüben, die Hilfe brauchen. Und ich fühle mich Angestellte Schweiz und seinen Zielen verbunden. Ein weiterer entscheidender Aspekt war meine Erkenntnis, dass das Recht und seine Umsetzung ihre Grenzen haben. Bei der Bearbeitung von Einzelfällen wurde mir klar, dass vieles eher im kollektiven Recht geregelt wird. Und dass auf kollektiver Ebene das Recht nicht die einzige Antwort ist. Bei Massenentlassungen sagt man sich manchmal, dass präventive Massnahmen viel Schaden hätten verhindern können, und dasselbe gilt beispielsweise auch bei Burnout. Frühzeitiges Eingreifen und Sensibilisierung im Vorfeld sind sehr wichtig, und genau darauf muss der Schwerpunkt gelegt werden.

Was ist deiner Meinung nach derzeit die grösste Herausforderung für die Arbeitswelt und für die Arbeitnehmerverbände?

Die grösste Herausforderung unserer Zivilisation ist die Klimakrise. Ihre Auswirkungen sind unvergleichlich. Natürlich werden KI und Automatisierung in Zukunft vieles verändern. Aber darauf kann man mit Lösungen reagieren, die meiner Meinung nach keine tiefgreifende Infragestellung unserer Lebensweise erfordern. Und was die nachhaltige Entwicklung angeht, hat die Wirtschaft einen enormen Einfluss; daher muss Nachhaltigkeit in den Unternehmen verankert werden. Das bedeutet, das Wissen der Beschäftigten zu schärfen: Sie brauchen Begleitung bei diesem Wandel. Weitere Themen, die wir priorisieren müssen, sind natürlich KI, die berufliche Vorsorge und die psychische Gesundheit.

Apropos psychische Gesundheit: Was sind deine persönlichen Ressourcen, um den Anforderungen einer Führungsposition gerecht zu werden?

Ohne zu zögern: meine Familie. Ich habe einen siebenjährigen Sohn, und Zeit mit meinen Liebsten zu verbringen, ist eine Quelle der Bereicherung. Ausserdem betreibe ich Judo – Sport ist ein gutes Mittel, um Frust abzubauen.

Welche Botschaft möchtest du als neuer Geschäftsführer unseren Mitgliedern mitgeben?

Zunächst einmal: Danke für ihr Engagement! Sie sind der Daseinsgrund unserer Organisation. Sie sollen nicht zögern, sich mit ihren Anliegen, Ideen und Bedürfnissen an uns zu wenden. Wir sind genau dafür da, darauf einzugehen.

Und zum Schluss: Was sagst du denjenigen, die noch keine Mitglieder sind oder vom Nutzen von Arbeitnehmerverbänden nicht ganz überzeugt sind?

Angesichts der aktuellen Lage sind die Unsicherheiten, mit denen Berufstätige konfrontiert sind, real und spürbar. Ich bin überzeugt, dass es ein wiederauflebendes Interesse an gewerkschaftlich ausgerichteten Organisationen gibt. Vor allem, wenn sie ihre Innovationskraft mobilisieren, um sich an die aktuellen Bedürfnisse anzupassen – was Stefan Studer auf bemerkenswerte Weise geschafft hat. Die Beschäftigten bewegen sich in einer unsicheren Welt, und unsere Aufgabe entspricht konkreten Bedürfnissen: ihnen Unterstützung zu bieten, einen Kompass für ihre Karriere. Und ihnen dabei zu helfen, ihre Rechte gegenüber bestimmten Arbeitgebern geltend zu machen, die vom Unternehmenszweck nur den profitablen Aspekt im Blick haben.

Stefan und Pierre - Delegiertenversammlung 2026

Autor:in

Laure Fasel

Laure Fasel

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