Teams – was sie ausmacht
Lukas Sieber ist nicht zu übersehen. Er sitzt jeden Morgen in der Unterführung des Bahnhofs Olten in einem Glashaus inmitten von geparkten Fahrrädern. Der Leiter der Velostation ist mit seinen Tattoos für Zugreisende ein Hingucker: Unterarme, Fingerspitzen, Hinterkopf – die Kunstwerke auf seinem Körper prangen an Stellen, wo sich nur die wenigsten Personen tätowieren lassen würden. «Vom jetzigen Arbeitgeber gab es nie negative Reaktionen, jedoch hatte ich früher einen Arbeitgeber, bei dem ich wegen eines Totenkopfs auf der Wade nicht in kurzen Hosen arbeiten durfte.»
Wer in die Badi geht, merkt schnell: Tattoos sind in der Schweiz längst salonfähig geworden. Auf dem Rücken, an Oberarmen und Beinen lassen viele Schweizer*innen ihr persönliches Kunstwerk verewigen. Doch in der Badi zählt der Freizeitmodus, im Job gelten andere Konventionen. Arbeitspsychologe Jan Borer empfiehlt darum Zurückhaltung. «Leider kommt es vor, dass vor allem grosse, sichtbare Tattoos das Vorurteil von mangelnder Professionalität oder Kompetenz wecken. Der gesellschaftliche Wandel braucht noch Zeit.»
Sandro hat eine leitende Funktion in einer kantonalen Behörde. Er ist leidenschaftlicher Fussballfan und zeigt dies auch auf seinem Körper. Trägt er sein Hemd locker geknöpft, ist die Hymne seines Lieblingsvereins sichtbar. Auch an den Oberarmen und Beinen ist er tätowiert. «Es ist mir bewusst, dass Tattoos bei Männern grob wirken können. Ich möchte nicht, dass mir jemand eine Etikette umhängt und bedecke darum auch im Sommer die entsprechenden Stellen, wenn ich arbeite.» Nicht einmal enge Teamkolleg*innen wissen, dass Sandro stark tätowiert ist.
Funktion und Branche bestimmen den Spielraum
Tattoos verbergen oder zeigen? Je nach Funktion und Branche besteht hier unterschiedlich viel Spielraum. In einem urbanen jungen Arbeitsumfeld, wie zum Beispiel der Eventbranche, im Marketing oder der Gastronomie werden Tätowierungen in der Regel akzeptiert. «Vorsicht geboten ist bei Banken, Versicherungen, in Spitälern sowie bei direktem Kontakt zu älteren sowie konservativen Kund*innen,» so unser Arbeitspsychologe.
Bei einem Vorstellungsgespräch ist die Devise von Jan Borer klar: Wenn möglich Tattoos abdecken. «Bewerber*innen haben begrenzt Zeit, um Kompetenz und Sympathie bei einem Vorstellungsgespräch zu zeigen. Jede Ablenkung von den eigenen Fähigkeiten kann diese verschleiern und zu einem negativen Eindruck führen.»
Ein Tattoo-Verbot am Arbeitsplatz ist durchsetzbar
Und was sagt das Gesetz? Dürfen Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden Tattoos verbieten, wenn Kundenkontakt besteht und Nachteile für das Unternehmen befürchtet werden? «Ein Verbot ist in der Regel nur zulässig, wenn es hierfür sachliche betriebliche Gründe gibt. Hierzu gehören etwa die Angst vor einem Kundenverlust oder Kundenreklamationen oder auch ein Reputationsschaden,» sagt unser Rechtsanwalt Lukas Walter. Auch bei provokativen Botschaften darf der Arbeitgeber sein Veto einlegen.
Der Leiter der Velostation beim Bahnhof Olten hat weder anstössige Motive noch provokative Botschaften auf seinem Körper. Da er in direktem Kundenkontakt ist und an sehr auffälligen Körperteilen tätowiert ist, darf sein Arbeitgeber dennoch als tolerant bezeichnet werden. «Tattoos am Hals, im Gesicht oder den Händen gelten als klassische Jobstopper, denn sie sind kaum zu verdecken und sofort im Blickfeld,» so Jan Borer.
Auch am Arbeitsplatz zählen in erster Linie die inneren Werte
Es ist leicht nachvollziehbar, dass für den Leiter einer Velostation andere Spielregeln gelten als für den Leiter einer kantonalen Behörde. Doch trotz Vorbehalten in gewissen Branchen sind mittlerweile viele Arbeitgeber zur Einsicht gelangt: Bei Mitarbeitenden und Tattoos verhält es sich ähnlich wie bei allen zwischenmenschlichen Beziehungen. Über das Äussere mögen sich die Geister scheiden, doch was am Ende wirklich zählt, sind die inneren Werte.