Wie informiert man sich im Zeitalter der Medienflut?
Inwiefern spiegeln die Medien die Realität wider? Gibt es eine gute Methode, um die Informationen zu sortieren, mit denen wir täglich konfrontiert sind? Um diese Fragen ging es in Guido Keels Vortrag im Rahmen unserer Veranstaltungsreihe «Trump, Xi Jinping und dein Arbeitsplatz». Er gibt uns Tipps, wie wir das weltweite Geschehen objektiv einordnen können.
Haben die Schweizer kein Vertrauen mehr in die Medien?
In der Schweiz hat eine aktuelle Umfrage ergeben, dass nur 46 % der Erwachsenen den Informationen der offiziellen Medien vertrauen. 39 % geben an, Nachrichten zu meiden, um ihr psychisches Wohlbefinden zu schützen – oder weil sie es leid sind, ständig einen endlosen Informationsstrom zu sortieren. Zudem nutzen 46 % die Medien nur selten oder informieren sich über soziale Netzwerke. Eine Situation, die nicht ohne Folgen bleibt: Eine distanziertere Beziehung zu Informationen kann den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Teilhabe beeinflussen.
Ist die Realität der Medien auch unsere Realität?
Um dieses Misstrauen zu verstehen, gibt es mehrere Ansätze. Zunächst einmal fordert Guido Keel dazu auf, zwischen der Realität und ihrer Darstellung in den Medien zu unterscheiden. Die Medien können keine Fakten erfinden, aber sie müssen Informationen auswählen, gewichten und interpretieren. Pressemitteilungen, wissenschaftliche Veröffentlichungen, politische Erklärungen … All das sind Quellen, die Journalisten zur Verfügung stehen, um Inhalte zu erstellen.
Diese Auswahl erfolgt nach Kriterien wie Nähe, Bedeutung oder erzählerischem Potenzial. Eine Information, die uns nahegeht, wird eher weiterverbreitet. Ebenso können sich Journalisten nicht damit begnügen, Fakten einfach aufzuzählen: Sie müssen sie in einen Kontext stellen und eine Geschichte aufbauen, um sie verständlich zu machen. Je nach gewähltem Blickwinkel kann ein und dieselbe Realität somit auf unterschiedliche Weise interpretiert werden.
Diese Vermittlung erklärt, warum die Medien nicht als perfekt getreues Spiegelbild der Welt betrachtet werden können, was nicht heisst, dass sie Falschinformationen verbreiten. Der journalistische Verhaltenskodex, der auf Objektivität pocht, dient dabei als Schutzmechanismus.
Was bestimmt unsere Überzeugungen?
Auch die Fähigkeit der Öffentlichkeit, Informationen zu analysieren, spielt eine Rolle, wenn es um Vertrauen geht. Früher fungierten die Redaktionen als Gatekeeper: Sie entschieden, welche Informationen die Öffentlichkeit erreichten. Heute ist diese Funktion viel stärker verteilt.
Fachseiten, soziale Netzwerke, Algorithmen, Bürgermedien oder auch Veröffentlichungen von Organisationen und Parteien tragen dazu bei, unser Informationsumfeld zu prägen. Ausserdem bilden die persönlichen Gespräche, die wir mit unserem Umfeld führen, nach wie vor die Grundlage für das Wissen, das wir sammeln.
Wenn Emotionen die Oberhand über den Informationsgehalt gewinnen
Im Internet sind die Artikel kurz, die Überschriften reisserisch. Emotionen müssen aus einer qualitativ hochwertigen Information nicht unbedingt ausgeschlossen werden. Das Problem entsteht, wenn das Wecken von Emotionen zum Selbstzweck wird, um Klicks zu generieren. Der informative Zweck einer Nachricht wird dann verzerrt.
Wie erkennt man Nachrichten, die mit unseren Emotionen spielen? Eine provokante Überschrift, sehr starke Begriffe wie «Tod» oder «Katastrophe» sowie das Teilen von Informationen ohne Kontext sollten unser Misstrauen wecken.
Eine Methode, um mit Nachrichten umzugehen: SIFT
Guido Keel bietet uns ein Werkzeug an, um unseren Umgang mit Informationen zu strukturieren: stop, investigate, find better coverage und trace. «Stop» bedeutet, sich einen Moment Zeit zum Nachdenken zu nehmen, bevor man Inhalte teilt oder ihnen glaubt. «Investigate»: die Quelle der Information überprüfen. Find better coverage: Schau nach, wie die Information in anderen Publikationen behandelt wird – wird sie bestätigt, nicht erwähnt oder widerlegt? Trace: Behauptungen, Bilder und Zahlen lassen sich bis zu ihrer ursprünglichen Quelle zurückverfolgen.
Letztendlich ist es nicht unbedingt ein Problem, den Medien gegenüber skeptisch zu sein. Im Gegenteil: Eine Tatsache, ihren Urheber oder ihren Kontext zu hinterfragen, gehört zu einer guten Medienkompetenz. Die Gefahr entsteht, wenn keine Quelle mehr als vertrauenswürdig angesehen wird. In diesem Fall wird es schwierig, ein gemeinsames Verständnis der Fakten aufzubauen und folglich gemeinsame Projekte durchzuführen.
Für Guido Keel tragen die journalistischen Medien hier eine besondere Verantwortung: Sie müssen berufliche Standards anwenden, Informationen überprüfen und ihre Quellen sowie ihre Arbeit so transparent wie möglich machen.
Das Webinar mit Guido Keel ist Teil unserer Eventsreihe «Trump, Xi Jinping und dein Arbeitsplatz».
Nächste Veranstaltungen
Autor:in
Laure Fasel
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