Vom Patron zum modernen Chef

Der klassische Patron hat ausgedient. Die heutigen Chef*innen sehen sich als agile Führungskräfte. Doch zwischen Selbstbild und Realität klafft noch immer eine Lücke.

74 Prozent der befragten Führungskräfte aus der DACH-Region verstehen sich als moderne Vorgesetzte, das zeigt eine PwC-Studie von 2024/2025. Gerade mal 39 Prozent der befragten Mitarbeitenden sind der Meinung, dass ihr Chef tatsächlich agil denkt und führt. Will heissen, Führungspersonen aller Generationen tun sich noch schwer damit, die Chefrolle modern zu interpretieren.

Reines Fachwissen ist nicht alles

Zwischenmenschliche Qualitäten gewinnen in der Führung weiterhin an Bedeutung. Der «Avenir Leadership Kompass 2026» kommt zur Erkenntnis, dass Unternehmen Qualitäten erwarten, die Führung im Kern ausmachen: Motivation, Kommunikation und Leadership. Gerade in unsicheren Zeiten mit den Veränderungsprozessen durch die KI-Transformation werden Führungspersonen besonders gefordert. Viele Angestellte sind verunsichert, weil die Zukunft der Arbeit offene Fragen aufwirft und sich Aufgaben sowie Arbeitsabläufe verändern.  Eine transparente Kommunikation der Führungspersonen hilft den Mitarbeitenden, Orientierung zu finden und Vertrauen aufzubauen.

Loslassen bereitet Mühe

Modern zu führen bedeutet, flexibel auf Veränderungen reagieren zu können und den Mitarbeitenden Verantwortung sowie Handlungsspielraum zu geben. Wer andere Lösungswege zulassen will, muss zur Selbstreflexion fähig sein. Der «Avenir Leadership Kompass 2026» kommt zum Schluss, dass diese Eigenschaft nach wie vor gering gewichtet wird. Wer die eigenen Annahmen nicht hinterfragt, merkt oft zu spät, wie sich das eigene Verhalten auf andere auswirkt. So hilft es wenig, ein offenes Ohr für die Meinungen der Mitarbeitenden zu haben, wenn die finalen Entscheidungen dann doch selbst gefällt werden.  

 

«Führungskräfte sollten psychologische Sicherheit vermitteln. Dies ermöglicht den offenen Dialog und gemeinsames Lernen.» 

Jan Borer, Arbeitspsychologe

Als wichtiger Faktor erfolgreicher Mitarbeiterführung gilt die psychologische Sicherheit am Arbeitsplatz. Für Vorgesetzte bedeutet dies: Vertrauen schenken und ein entsprechendes Arbeitsklima schaffen, sodass Mitarbeitende Ideen einbringen können, ohne Konsequenzen zu fürchten. Auch ein offener Umgang mit Fehlern gehört dazu. «Vorgesetzte können zusätzlich für psychologische Sicherheit sorgen, indem sie ihre Vorbildfunktion wahrnehmen und wenn immer möglich authentisch und fair handeln. Nur so können offene und sichere Kommunikations- und Lösungswege gewahrt werden», sagt unser Arbeitspsychologe Jan Borer.

Unternehmen müssen Rahmenbedingungen schaffen

Damit die Patrons alter Schule ihren Führungsstil nachhaltig ändern können, brauchen sie entsprechende Rahmenbedingungen. Dazu gehören kurze Entscheidungswege, um schnell auf Veränderungen reagieren zu können, eine offene Kommunikation und gemeinsame Ziele, mit denen sich alle Mitarbeitenden identifizieren. Denn nur eine agile Organisation schafft nachhaltig agile Führungspersonen.

So interpretiert unser Geschäftsführer die Chefrolle

Seit August leitet Pierre Derivaz unseren Verband. Dem 37-Jährigen liegt es am Herzen, unser Team zeitgemäss und agil zu führen. Im Interview erklärt er, wie er seine Rolle versteht und ausübt.

Pierre, was verstehst du unter moderner Führung?

Bevor wir über moderne Führung reden: Ich denke, es gibt zeitlose Werte, die bei der Führung immer wichtig waren und wichtig bleiben. Dazu gehören Empathie, Ehrlichkeit, Vertrauen und Wertschätzung.

Dazu kommen aus meiner Sicht drei Aspekte, die für moderne Führung zentral sind:

  1. Gesundes Arbeiten: Sowohl die physische Unfallverhütung als auch das Vorbeugen von psychosozialen (und digitalen) Risiken ist eine zentrale Verantwortung von Führungskräften.
  2. Wo Führung in älteren Modellen vielleicht einheitlicher war, haben Mitarbeitende heute (zu Recht) den Anspruch, dass Führungskräfte auf ihre individuellen Situationen, Lebensrealitäten und Bedürfnisse eingehen. Man kommt zwar in einen ständigen Balanceakt mit dem Gebot der Gleichbehandlung – aber ich denke, die bewusste Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Bedürfnissen und klare Kommunikation verhelfen dadurch zu besseren Entscheiden.
  3. Teams arbeiten heute vermehrt digital, zeitversetzt und örtlich flexibel. Hier muss man sicherstellen, dass Verantwortung mit Verbindlichkeit einhergeht.

Wie erlebst du die Herausforderung: Loslassen, den Mitarbeitenden Verantwortung übertragen und gleichzeitig sicher sein, dass alles gut kommt?

Verantwortung übertragen ist kein Loslassen, sondern ein bewusster Vertrauensentscheid: Ich übertrage Verantwortung, wenn ich weiss, dass die andere Person fähig und willig ist, diese Verantwortung zu übernehmen. Ich definiere den Rahmen und die Erwartungen möglichst klar und bleibe zur Verfügung, um bei Fragen oder Unsicherheiten weiterzuhelfen. So kann ich sicher sein, dass alles gut kommt.

Das Team von Angestellte Schweiz ist ein gutes Beispiel. Wir haben das Glück, nicht nur auf äusserst kompetente, sondern auch super engagierte Mitarbeitende zählen zu dürfen. Dadurch fällt der Entscheid, Verantwortung zu übertragen leicht. Das exzellente Ergebnis kennen unsere Mitglieder. 😉

Psychologische Sicherheit wird grossgeschrieben – Wie schaffst du es, dass sich dein Team sicher fühlt, wie schenkst du ihnen Vertrauen?

Ich thematisiere Fehler (auch eigene) frühzeitig, respektvoll und offen. Auch in Diskussionen im Team sind wir sehr bedacht, die Sache von der Person zu trennen und auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Was bedeutet für dich Selbstreflexion?

Selbstreflexion bedeutet für mich, das eigene Verhalten, die eigene Wirkung und die eigenen Entscheide regelmässig ehrlich zu hinterfragen. Ich erwarte Selbstreflexion von meinen Mitarbeitenden. Meine Mitarbeitenden haben Anspruch darauf, dass ich mich mindestens am gleichen Massstab messe.

Ich denke dabei gerne an eine Anekdote über den Schauspieler James Stewart. Nach den Dreharbeiten zu «Der Mann, der zu viel wusste» soll er abends oft noch auf dem Set geblieben sein und seine Dialoge erneut gesprochen haben – nicht, weil er an allem gezweifelt hat, sondern weil er sicher sein wollte, dass er die bestmögliche Leistung geliefert hat. Das ist für mich ein gutes Vorbild: Man muss nicht alles endlos hinterfragen, aber bewusst immer wieder prüfen, ob es einen besseren Weg gegeben hätte – um daraus für das nächste Mal zu lernen.

Wie förderst du deine Selbstreflexion?

Ich verwende selbst unsere App «DNA – die neuen Arbeitswelten», die gute Tipps zu Führung in Flexwork gibt und Anleitungen zur Selbstreflexion enthält.

DNA-App: FlexWork einführen & neue Arbeitsformen gestalten | Schweiz

Autor:in

Christian  Vogt

Christian Vogt

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