Authentizität im Job – wie viel ist okay?

Im Privatleben fährt man in der Regel am besten, wenn man sich selbst ist. Unser Arbeitspsychologe rät, auch im Job sich selbst treu zu sein. Doch im professionellen Umfeld gelten gewisse ungeschriebenen Regeln.

Du hast ein Wochenende zum Vergessen gehabt. Deine Stimmung ist auch am Montagmorgen noch am Tiefpunkt, zumal die nervigsten Aufgaben der Arbeitswoche anstehen. Deine schlechte Laune ist im Büro für alle Mitarbeitenden spürbar, schliesslich bist du auch an diesem Tag ganz authentisch und bleibst dir selbst treu.  «Natürlich muss man sich bei der Arbeit nicht komplett verstellen, wenn man nicht fit ist. Im Sinne von Teamarbeit und Kollegialität ist es aber ebenso wichtig, die schlechte Laune nicht ungefiltert an den Kolleg*innen auszulassen», sagt unser Arbeitspsychologe Jan Borer. Die eigenen Gefühle schonungslos ausleben, ist in allen Lebensbereichen rücksichtslos. Im Arbeitsumfeld kommt noch die Ebene der Professionalität hinzu.

Persönlichkeit und Werte dürfen sichtbar sein

Unter «echter Authentizität» versteht die Psychologie, dass sämtliche Handlungen aus dem eigenen Selbst heraus entstehen. Die eigene Persönlichkeit und Werte dürfen sichtbar sein, jedoch im Einklang mit professionellem Verhalten und unter Berücksichtigung der jeweiligen Firmenkultur. «Zudem zeigen sich bei echter Authentizität grosse Übereinstimmungen zwischen unserem Selbst- und Fremdbild - also wie wir uns sehen und wie andere uns sehen,» so Jan Borer weiter.

Echte Authentizität ist unspektakulär

Auch ohne, dass im Büro das Innerste nach aussen gekehrt wird, ist echte Authentizität möglich. Sie ist meist unspektakulär und zeigt sich subtil: höflich widersprechen, statt sich innerlich zu verbiegen. Grenzen setzen, ohne ein Drama daraus zu machen. Dazu gehört auch, sich einzugestehen, wenn jemand im falschen Umfeld gelandet ist. Nicht jede Anpassung ist unehrlich. Aber dauernde Verstellung kostet Energie.

«Psychologische Sicherheit fördert Authentizität.»

Jan Borer, Arbeitspsychologe

Das Arbeitsklima in einem Unternehmen entscheidet, ob echte Authentizität gelebt werden kann. Für Jan Borer lautet das Schlüsselwort «psychologische Sicherheit». «Wenn Mitarbeitende wissen, dass sie ihre Persönlichkeit und Bedürfnisse äussern können, ohne Nachteile zu erfahren, werden sie eher selbstbestimmt handeln und authentisch sein.» Dazu gehört eine offene Fehlerkultur. «Fehler zu machen, ist bei einem authentischen Auftritt unerlässlich - schliesslich ist niemand perfekt.» Wer zu seinen Fehlern steht und daraus lernt, verbessert auch seine Selbstkenntnis und somit die Authentizität.

Authentisch sein beim Stellenantritt

Es ist wohl nur menschlich, dass Angestellte in den ersten Wochen nach einem Stellenantritt noch zurückhaltender die eigenen Bedürfnisse formulieren. Während der Probezeit immer nur Ja und Amen zu sagen, davon rät Arbeitspsychologe Jan Borer allerdings ab. «Natürlich sollte man sich bei einem neuen Stellenantritt von einer guten Seite zeigen. Das spätere Arbeitsverhalten sollte hingegen nicht komplett vom «Probezeitverhalten» abweichen, das wäre auch unecht.»

Bei privaten Themen eine gesunde Distanz wahren

Bei privaten Themen empfiehlt unser Arbeitspsychologe im Sinne der Professionalität eine gesunde Distanz zu wahren - auch weit über die Probezeit hinaus. Je nach Firmenkultur gilt hier: Weniger ist mehr. Authentisch zu sein ist darum eine Art Gratwanderung: Die richtige Balance zwischen «sich selbst sein» und professionellem Verhalten zu finden, ist der Schlüssel zum Erfolg.

Autor*in

Christian  Vogt

Christian Vogt

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