Konzentration – der neue Luxus?

Ein ganzer Tag, um wirklich voranzukommen: Ist das zum Privileg geworden? Dieser Artikel handelt von Effizienz, vom Konzept des «Deep Work» und von Werkzeugen, die helfen, ohne Ablenkung zu arbeiten.

Melanie, 42, Ingenieurin, hat ihren Arbeitstag eigentlich perfekt geplant. Am Vormittag möchte sie ein technisches Konzept fertigstellen, das für ein wichtiges Kundenprojekt entscheidend ist.

Um 8.15 Uhr öffnet sie ihr Dokument. Um 8.23 Uhr kommt die erste Teams-Nachricht. Um 8.41 Uhr folgt ein Telefonanruf, dann zwei E-Mails mit dem Vermerk «dringend». Zwischendurch wirft sie noch einen Blick auf eine Nachrichtenwebsite und schaut die Zugverbindungen für einen Ausflug am Samstag nach.

Als sie am Nachmittag auf die Uhr schaut, stellt sie fest, dass sie kaum eine Stunde ununterbrochen an ihrer eigentlichen Aufgabe gearbeitet hat. «Am Abend bin ich müde», sagt sie. «Nicht, weil ich viel geschafft habe, sondern weil ich den ganzen Tag zwischen Aufgaben hin- und hergesprungen bin.»

Damit steht Melanie nicht allein da. Während früher körperliche Belastungen oder lange Arbeitstage im Zentrum standen, kämpft heute eine wachsende Zahl von Angestellten mit einem anderen Problem: dem Verlust der Konzentration.

Die Digitalisierung macht es nicht leichter

Im digitalen Zeitalter standen noch nie so viele Informationen in so kurzer Zeit zur Verfügung. Noch nie waren Menschen so einfach erreichbar. Und noch nie war es so schwierig, für längere Zeit ungestört zu arbeiten.

Die Zunahme des Homeoffice hat dazu geführt, dass an Präsenztagen die Zahl der Sitzungen gestiegen ist. Hinzu kommt: Wer im Wohnzimmer arbeitet, schaltet schwerer ab.

Dabei kostet jede Nachricht, jede E-Mail und jede weitere Sitzung Aufmerksamkeit. Das eigentliche Problem ist dabei nicht die einzelne Störung, sondern die Zeit, die unser Gehirn braucht, um nach einer Unterbrechung wieder vollständig in eine Aufgabe einzutauchen.

Wissensberufe besonders betroffen

Fachleute, deren Arbeit auf Analyse, Kreativität oder komplexem Denken beruht, sind besonders stark betroffen. Sie brauchen meistens keine zusätzlichen Sitzungen – sondern Zeit, um Probleme zu lösen.

Paradoxerweise wird in der Arbeitswelt Betriebsamkeit oft mit Produktivität verwechselt. Wer einen vollen Kalender hat, wirkt engagiert. Wer dagegen konzentriert an einer anspruchsvollen Aufgabe arbeitet und deshalb schwer erreichbar ist, kann leicht den Eindruck erwecken, sich den Kolleginnen und Kollegen gegenüber wenig einzubringen.

Dabei entsteht der eigentliche Wert vieler Tätigkeiten genau in diesen ungestörten Phasen. Vielleicht ist Konzentration deshalb zum neuen Luxus in der Arbeitswelt geworden – nicht weil sie selten wäre, sondern weil sie ständig verteidigt werden muss.

Das Konzept des «Deep Work»

«Deep Work» – auf Deutsch «tiefes Arbeiten» – ist ein Begriff, den Cal Newport von der Georgetown University in den USA geprägt hat. Er beschreibt einen Zustand intensiver Konzentration, in dem man seine kognitiven Fähigkeiten voll ausschöpft, um qualitativ hochwertige Ergebnisse zu erzielen.

Unsere heutigen Arbeitsumgebungen fördern jedoch eine Kultur der sofortigen Verfügbarkeit: ständige Benachrichtigungen, schnelle Antworten über Chat-Tools und permanente Anfragen. Wer immer wieder zwischen Aufgaben wechselt, trainiert sein Gehirn ab – und verliert dabei die Fähigkeit, sich längere Zeit zu konzentrieren.

Wer regelmässig tief arbeitet, schafft mehr, erzielt bessere Qualität, lernt schneller und gewinnt mehr persönliche Befriedigung aus seiner Arbeit. Es geht darum, den Weg in den sogenannten Flow-Zustand zu finden: eine vollständige Versenkung in den gegenwärtigen Moment, bei der die Stunden wie im Flug vergehen.

In diesen Flow-Zustand zu gelangen setzt voraus, dass man Arbeitsblöcke ohne Unterbrechungen einplant – zwei bis vier Stunden für eine einzige Aufgabe, mit dem Smartphone möglichst ausser Reichweite und den E-Mails am besten geschlossen.

Oberflächliche Aufgaben bündeln und verdichten

Newport stellt dem «Deep Work» das «Shallow Work» gegenüber – die oberflächliche Arbeit. Darunter fallen wenig anspruchsvolle Tätigkeiten wie das Verwalten von E-Mails, das Checken sozialer Netzwerke oder die Teilnahme an wenig ergiebigen Sitzungen. Diese Aufgaben sind für den Betrieb eines Unternehmens notwendig, schaffen aber weniger Mehrwert. Wer seinen Tag bewusst strukturiert, verhindert, dass sie übermässig viel Zeit fressen. Ein Beispiel: zweimal täglich die E-Mails in einem festen Zeitfenster bearbeiten.

Was Melanie jetzt konkret tut

Ab sofort reserviert sie zwei Vormittage pro Woche konsequent für Arbeit, die tiefe Konzentration erfordert. Sie blockiert diese Zeit in ihrem Kalender und informiert ihre Kolleg*innen, dass sie in diesen Phasen keine nicht dringenden Anrufe entgegennimmt. Neue E-Mails wird sie zwar weiterhin erhalten – beantwortet werden sie aber erst am frühen Morgen oder nach der Mittagspause.

Melanies Erkenntnis sollte viele Unternehmen aufhorchen lassen: Produktivität entsteht nicht unbedingt dort, wo man am reaktionsschnellsten ist, sondern dort, wo Menschen die Zeit haben, sich zu konzentrieren, ihre Gedanken zu vertiefen und diese zu Ende zu denken.

Mit diesen Methoden und Werkzeugen kann Melanie ihre Konzentration weiter verbessern

Die Pomodoro-Methode

Diese in der Arbeitsorganisation weitverbreitete Methode teilt lange Aufgaben in Einheiten von dreissig Minuten auf: fünfundzwanzig Minuten Konzentration, fünf Minuten Pflichtpause. Eine Pause, die nicht dazu genutzt werden sollte, sich auf das private E-Mail-Postfach zu stürzen. Newport zufolge muss das Gehirn trainiert werden, «sich zu langweilen» – also ein paar Minuten ohne permanente Reize auszuhalten –, um seine Aufmerksamkeitsspanne zu verbessern.

Apps zur Konzentrationshilfe

Das Smartphone ist oft das Ablenkungswerkzeug schlechthin. Paradoxerweise kann es aber auch helfen, fokussierter zu arbeiten. Apps wie «Freedom» oder «Refocus» ermöglichen es, den Zugang zu bestimmten Websites für die Dauer der Arbeitszeit zu sperren. Man kann beispielsweise jene Websites und sozialen Netzwerke auswählen, auf die man in Pausen zwanghaft zurückgreift, und sie zwischen 9 und 17 Uhr blockieren. Einige dieser Apps bieten zudem Playlists mit Musik an, die speziell auf konzentriertes Arbeiten ausgerichtet ist.

Die Hemingway-Methode

Der berühmte amerikanische Schriftsteller hörte nach eigenen Angaben mitten in einer Szene auf zu schreiben – voller Energie und mit klarer Vorstellung davon, wie es weitergehen sollte. Dieser aufgesparte Schwung machte seinen Wiedereinstieg am nächsten Tag leicht: kein Startschwierigkeiten, kein Gefühl des leeren Blatts. Seine Methode hat sich verbreitet, weil sie für kreative Berufe oder Tätigkeiten mit hohem intellektuellem Aufwand besonders wirksam ist: Melanie hingegen beendet ihre Arbeit oft erst dann, wenn sie ausgelaugt ist und alles erledigt hat. Das kostet nicht nur Nerven – am nächsten Morgen fällt ihr der Wiedereinstieg umso schwerer.

Autor*in

Laure Fasel

Laure Fasel

Mehr Artikel

Mitglied werden und profitieren

Werde Mitglied von Angestellte Schweiz und schliesse dich unseren 12'000 Mitgliedern an.