Fehlzeiten und Krankentaggeldversicherungen: Was steht auf dem Spiel?
Wie bei anderen Recherchen treffe ich meinen Interviewpartner vor Ort. Diesmal ist es eine Kneipe am Bahnhof. Und nicht, weil wir keinen anderen Ort finden, sondern weil dies ein Ort ist, an dem Werner sich häufig aufhält. Er kommt jeden Tag hierher. Montags und donnerstags kommt zwar die Spitex zu ihm nach Hause und hilft ihm bei der Körperpflege. Aber danach ist er wieder hier, sitzt zusammen mit anderen Gästen am Tisch, ein Bier und ein Glas Wein vor sich. Gerne auch mal beides gleichzeitig.
Wenn Werner über sein Leben spricht, klingt es für mich nach ständiger Suche. Einer Suche nach dem Kick oder dem Rausch. Irgendwann wurde die Suche zur Sucht und endete immer wieder im Absturz.
Schon in den Siebzigern als Werner eine Lehre begann, interessierte er sich für den Rausch. Täglich Haschisch im autonomen Jugendzentrum, gern auch mal in den Pausen während der Ausbildung. Die Ausbildung wurde erfolgreich beendet und es folgte ein Leben in der Norm: Freundin, frühe Heirat, zwei Kinder und ein Job. Nach 16 Jahren wurde die Ehe geschieden.
Werner arbeitete als Chemielaborant in einem grossen Pharmaunternehmen. Die Suche nach dem Kick hat ihn auch hier nicht losgelassen. Das erste Mal habe er Koks 1995 probiert. Das war ein grossartiges Erlebnis. Euphorie pur, man fühlte sich gut und hatte gute Gespräche.
In seinem Betrieb lernt er einen Laboranten kennen. Zusammen haben sie angefangen, regelmässig zu koksen. Irgendwann lief alles aus dem Ruder, und nicht das Labor, sondern das Koks rückte in den täglichen Fokus. Die Sucht blieb im Betrieb zunächst unentdeckt.
Lydia Paiva, Projektleiterin Prävention von «Sucht Schweiz», informiert über das Thema Sucht bei der Arbeit. Sie macht darauf aufmerksam, dass Vorgesetzte oder Arbeitskolleg*innen bei Suchtverdacht zunächst das Gespräch suchen sollten.
Man müsse jedoch vorsichtig mit Vermutungen sein, erst Indizien sammeln und dann miteinander sprechen. Symptome eines Suchtverhaltens könnten Leistungsveränderungen sein, viele Absenzen oder Verspätungen, ebenso Stimmungsschwankungen oder auch aggressives Verhalten. «Nicht immer riecht jemand nach Alkohol oder Haschisch. Man muss sehr behutsam vorgehen, denn Verhaltensveränderungen könnten auch mentale oder andere Gründe haben», sagt sie.
Süchtige Menschen können die Tendenz dazu haben, angebotene Hilfe durch Vorgesetzte oder Arbeitskolleg*innen zunächst eher abzulehnen und das Thema zu relativieren. «Sie haben die Angst, ihre Arbeitsstelle zu verlieren und leben oft auch ein Doppelleben, von dem niemand bei der Arbeit etwas weiss», sagt Paiva.
Mein Interviewpartner Werner verlässt sein Pharmaunternehmen bereits 2001 und hat seit diesem Zeitpunkt keinen geregelten Job mehr. Er war nicht mehr zur Arbeit erschienen, der Betrieb gab ihm eine Frist von fünf Tagen, die er verstreichen liess. Doch Werner ist nicht auf finanzielle Hilfe angewiesen, sondern lebt vom professionellen Kokshandel. Er habe sehr gut verdient in diesen Jahren.
Auf dem Höhepunkt des Handels folgte der Absturz: Werner wurde selbst sein bester Kunde. Und mit dem intensiven Kokskonsum kamen die krassen körperlichen Symptome und die psychische Abhängigkeit, insbesondere die Schlafprobleme. Irgendwann ist er zusammengeklappt; er nennt es Blackout. Sein Arzt habe ihm daraufhin Schlafmittel verschrieben. Es fallen Namen wie Temesta und Dormicum. Arzneien, die viele von uns kennen, die Probleme beim Einschlafen haben.
Doch Werner wäre nicht Werner, wenn er sich dem nicht intensiv widmen würde. Er ersetzte das Koks mit Tabletten, insbesondere Benzos. Irgendwann ist er auch hier zusammengebrochen und hat sich in eine Klinik eingewiesen. Akute Behandlungen und Entzugsklinik. Die Sucht nach Benzos wurde er los.
Werner berichtet mir von seinem aktuellen Zustand: Alkohol und ein bisschen Koks, alles nicht mehr ganz so intensiv wie früher. Das Ganze hat sich mit dem Alter eingependelt.
Eine im Jahr 2021 publizierte Studie bezifferte die volkswirtschaftlichen Kosten von Sucht in der Schweiz auf rund 8 Milliarden CHF jährlich. Doch nicht nur die Kosten, sondern auch menschliches Leid treffen uns: Jedes Jahr sterben in der Schweiz über 10'000 Menschen an den Folgen von Suchtmitteln, und Hunderttausende sind von Substanzen abhängig.
Gemäss Lydia Paiva von «Sucht Schweiz» sei es wichtig, dass bereits Unternehmen in Prävention investieren, das heisst zum Beispiel Richtlinien für den Umgang mit Alkohol formulieren. Denn auch wenn Ressourcen wie z.B. in kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) dafür knapp sind, ist es sinnvoll, auch im Betrieb früh präventive Massnahmen umzusetzen, um mögliche spätere Kosten und Leid zu vermeiden.