Fehlzeiten und Krankentaggeldversicherungen: Was steht auf dem Spiel?
5, 4, 3, 2, 1 – wie ein Countdown liest sich die Verschärfung der Homeoffice-Regelungen einiger Unternehmen. «Teambuilding», «Solidarität mit der Belegschaft in der Produktion» und «weniger Isolation» sind nachvollziehbare Argumente für mehr Büropräsenz. Arbeitspsychologe Jan Borer beobachtet die Tendenz der letzten beiden Jahre dennoch mit Skepsis. «Ein Tag Homeoffice ist besser als keiner, am besten fährt man aber, wenn eine gute Mischung besteht: Fixe Bürotage für Teamanliegen sowie genügend Möglichkeiten für Homeoffice im Sinne von Lebensgestaltung und individuellen Aufgaben.»
Der Gallup State of the Global Workplace Report 2025 stützt diese Einschätzung. Nur 19% der Mitarbeitenden mit voller Präsenzpflicht bezeichnen sich als «engagiert». Bei Arbeitnehmenden mit Homeoffice-Option sind es hingegen fast jede vierte Person. Die Lebenszufriedenheit ist zudem deutlich höher bei Angestellten, die aus dem Homeoffice arbeiten dürfen. Jan Borer erstaunt dies nicht. «Es geht ja auch darum, die Gesundheit und Balance der Mitarbeitenden nachhaltig zu stärken. Und da gehört, wo möglich, auch ein Anteil Homeoffice dazu.»
Der Arbeitsplatz beeinflusst das mentale Wohlbefinden stark
Für Menschen mit chronischen Erkrankungen und solche, die Burnout-gefährdet sind, ist Homeoffice meist mehr als nur eine Erleichterung des Arbeitslebens. Es kann überhaupt erst ermöglichen, einen Job auszuüben. Laut der AXA Mind Health Study beeinflusst der Arbeitsplatz das mentale Wohlbefinden nirgends stärker als in der Schweiz. Bleibt eine Person aufgrund einer psychischen Erkrankung der Arbeit fern, so dauert die Krankschreibung in der Regel deutlich länger als bei körperlichen Komplikationen.
Auch in puncto Arbeitseffizienz gibt es gute Argumente für Arbeitstage aus dem Homeoffice. Eine Studie des Wirtschaftsforschers Mark Ma von der Universität Pittsburgh hat gezeigt, dass die verschärften Homeoffice-Regelungen von grossen US-Unternehmen keine messbare Leistungssteigerung bewirkt haben. Der einzige messbare Effekt: Die Unzufriedenheit der Mitarbeitenden stieg in den jeweiligen Betrieben an.
«Wenn jemand seine Arbeit nicht macht, sieht man das.»
Dass viele grosse Unternehmen trotzdem auf verschärfte Homeoffice-Regelungen setzen, deutet auf ein Bedürfnis nach Kontrolle hin. Nach aussen signalisiert dies Aktionär*innen und weiteren Stakeholdern, dass man die Lage im Griff hat. «Die Angst, dass sich Angestellte im Homeoffice zurücklehnen, ist nicht per se unbegründet, aber sie ist nicht wegweisend: Wenn jemand seine Arbeit nicht macht, sieht man das», sagt Arbeitspsychologe Jan Borer.
Trotz vieler positiver Aspekte ist Homeoffice kein Patentrezept für zufriedene, leistungsfähige Mitarbeitende. Fehlende spontane Begegnungen können zu Isolation führen, Teamgefühl und Zugehörigkeit schwächen. Was bei der einen Person auf das Wohlbefinden drückt, lässt eine andere Person aufblühen und fokussierter arbeiten. Jeder Mensch tickt bekanntlich anders.
Beim Homeoffice kommt es deshalb auf die richtige Dosierung an. Die Unternehmen haben es selbst in der Hand: faire und flexible Homeoffice-Regeln zu schaffen, die Teamarbeit im Büro ermöglichen und gleichzeitig eine gesunde Lebensgestaltung im Homeoffice unterstützen.