Shit happens: von der Fehler- zur Lernkultur
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In der heutigen Arbeitswelt sprechen Berufstätige oft von einer paradoxen Anforderung: mehr mit weniger zu erreichen. Weniger Personal, weniger Zeit und trotzdem steigende Leistungsanforderungen. Trägt dieses Spannungsfeld zur Burnout-Welle bei, mit der unsere Gesellschaft heute ringt? Es ist höchste Zeit, diesen Standard zu hinterfragen und neu zu definieren.
Die Theorie «Weniger, aber besser» lässt sich auf alle Lebensbereiche anwenden: von unseren Arbeitsmethoden bis zur Freizeitgestaltung. Der Schlüssel liegt darin, sich nicht zu überlasten, sondern in das zu investieren, was uns wirklich am Herzen liegt. Im Grunde geht es darum, den ausschliesslichen Fokus auf messbare Zahlen durch einen Ansatz zu ersetzen, der auch Qualität und langfristige Ergebnisse berücksichtigt. Eine neue Philosophie zwischen Minimalismus, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit.
Unsere Lebensentwürfe sind im Vergleich zum Anfang des 20. Jahrhunderts grenzenlos geworden. Die Menschen sind mobil, ziehen um, orientieren sich neu; das traditionelle Familienmodell bröckelt; Sport- oder Kulturerlebnisse sind nicht mehr nur der Elite vorbehalten. Diese unendlichen Möglichkeiten führen zu der Annahme, dass man ständig in Bewegung sein muss, um gut zu leben. Die ständige Hyperkonnektivität verstärkt diesen Eindruck: Jede und jeder teilt das aufregende Leben in den sozialen Netzwerken. Die Tage müssen optimiert werden, bis zu dem Punkt, an dem wir manchmal vergessen, dass ein verschneiter Sonntag bei Sonnenschein keine Verpflichtung zum Skifahren ist. Wenn man den Fernseher den Warteschlangen am Skilift vorzieht, ist das zwar weniger glamourös, aber genauso erlaubt.
In beruflich stressigen Phasen ist die Gefahr grosser, den Halt zu verlieren, wenn unsere privaten Verpflichtungen einer Outlook-Aufgabenliste ähneln. Zumal die wiederkehrenden Ratschläge zur Prävention von Erschöpfung (regelmässiger Sport, Meditation, kulturelle Hobbys und regelmässige Treffen mit Freunden) ebenfalls negative Folgen haben. Diese gut gemeinten Aktivitäten sind nämlich eine zeitliche Investition oder lösen sogar Schuldgefühle bei denjenigen aus, die es nicht schaffen, dranzubleiben.
Von diesen Schuldgefühlen berichten oft Frauen, die Karriere und Familie unter einen Hut bringen: Die gesellschaftlichen Anforderungen an die Erziehung passen sich nicht an ihre neue Realität an. Wenn man sich zwingt, dreimal pro Woche ins Fitness zu gehen, die Biscuits selber zu backen und die Kinder zum Englischunterricht zu fahren, wird das Tempo schnell unerträglich. In solchen Situationen ist es wohl besser, Entscheide zu fällen – auch wenn einige davon einen Verzicht bedeuten.
Als Gegengewicht zu diesen Paradigmen entsteht, basierend auf ökologischen Argumenten, der Trend zum Minimalismus. Weniger, aber besser kaufen, die einfachen Freuden pflegen, lokal konsumieren … Das nützt dem Planeten und dem Geist. Indem wir lernen, Leere zu schaffen – in unseren Schränken oder in unserer Agenda –, entlasten wir uns von einer gewissen mentalen Hyperaktivität, die die Produktion von Cortisol, dem Stresshormon, erhöht. Wenn wir Gegenstände aufräumen, sortieren, wegwerfen oder verschenken, reduzieren wir das visuelle und mentale Durcheinander. In einem minimalistischen Raum fördert das Gefühl von Erneuerung und Weite die Kreativität, neue Ideen und ein Gefühl von Freiheit, wie vor einem leeren Blatt, auf dem alles geschrieben werden kann – ideal für den Start in ein neues Jahr.