Weniger ist mehr

Nach den üppigen Feiertagen symbolisiert der Januar die Rückkehr zu guten Gewohnheiten. Wenn du schon beim Anblick deiner Liste mit guten Vorsätzen müde wirst, solltest du Qualität vor Quantität bevorzugen.

In der heutigen Arbeitswelt sprechen Berufstätige oft von einer paradoxen Anforderung: mehr mit weniger zu erreichen. Weniger Personal, weniger Zeit und trotzdem steigende Leistungsanforderungen. Trägt dieses Spannungsfeld zur Burnout-Welle bei, mit der unsere Gesellschaft heute ringt? Es ist höchste Zeit, diesen Standard zu hinterfragen und neu zu definieren.

Die Theorie «Weniger, aber besser» lässt sich auf alle Lebensbereiche anwenden: von unseren Arbeitsmethoden bis zur Freizeitgestaltung. Der Schlüssel liegt darin, sich nicht zu überlasten, sondern in das zu investieren, was uns wirklich am Herzen liegt. Im Grunde geht es darum, den ausschliesslichen Fokus auf messbare Zahlen  durch einen Ansatz zu ersetzen, der auch Qualität und langfristige Ergebnisse berücksichtigt. Eine neue Philosophie zwischen Minimalismus, Nachhaltigkeit und Achtsamkeit.

Die Jagd nach Erlebnissen

Unsere Lebensentwürfe sind im Vergleich zum Anfang des 20. Jahrhunderts grenzenlos geworden. Die Menschen sind mobil, ziehen um, orientieren sich neu; das traditionelle Familienmodell bröckelt; Sport- oder Kulturerlebnisse sind nicht mehr nur der Elite vorbehalten. Diese unendlichen Möglichkeiten führen zu der Annahme, dass man ständig in Bewegung sein muss, um gut zu leben. Die ständige Hyperkonnektivität verstärkt diesen Eindruck: Jede und jeder teilt das aufregende Leben in den sozialen Netzwerken. Die Tage müssen optimiert werden, bis zu dem Punkt, an dem wir manchmal vergessen, dass ein verschneiter Sonntag bei Sonnenschein keine Verpflichtung zum Skifahren ist. Wenn man den Fernseher den Warteschlangen am Skilift vorzieht, ist das zwar weniger glamourös, aber genauso erlaubt.

Beruf und Freizeit in Einklang bringen

In beruflich stressigen Phasen ist die Gefahr grosser, den Halt zu verlieren, wenn unsere privaten Verpflichtungen einer Outlook-Aufgabenliste ähneln. Zumal die wiederkehrenden Ratschläge zur Prävention von Erschöpfung (regelmässiger Sport, Meditation, kulturelle Hobbys und regelmässige Treffen mit Freunden) ebenfalls negative Folgen haben. Diese gut gemeinten Aktivitäten sind nämlich eine zeitliche Investition oder lösen sogar Schuldgefühle bei denjenigen aus, die es nicht schaffen, dranzubleiben.

Von diesen Schuldgefühlen berichten oft Frauen, die Karriere und Familie unter einen Hut bringen: Die gesellschaftlichen Anforderungen an die Erziehung passen sich nicht an ihre neue Realität an. Wenn man sich zwingt, dreimal pro Woche ins Fitness zu gehen, die Biscuits selber zu backen und die Kinder zum Englischunterricht zu fahren, wird das Tempo schnell unerträglich. In solchen Situationen ist es wohl besser, Entscheide zu fällen – auch wenn einige davon einen Verzicht bedeuten.

Nachhaltigkeit und Minimalismus

Als Gegengewicht zu diesen Paradigmen entsteht, basierend auf ökologischen Argumenten, der Trend zum Minimalismus. Weniger, aber besser kaufen, die einfachen Freuden pflegen, lokal konsumieren … Das nützt dem Planeten und dem Geist. Indem wir lernen, Leere zu schaffen – in unseren Schränken oder in unserer Agenda –, entlasten wir uns von einer gewissen mentalen Hyperaktivität, die die Produktion von Cortisol, dem Stresshormon, erhöht. Wenn wir Gegenstände aufräumen, sortieren, wegwerfen oder verschenken, reduzieren wir das visuelle und mentale Durcheinander. In einem minimalistischen Raum fördert das Gefühl von Erneuerung und Weite die Kreativität, neue Ideen und ein Gefühl von Freiheit, wie vor einem leeren Blatt, auf dem alles geschrieben werden kann – ideal für den Start in ein neues Jahr.

Einige konkrete Tipps zum Entschleunigen:

  1. Arbeit. Eine interessante Methode: das Pareto-Prinzip, das wir in einem unserer früheren Newsletter vorgestellt haben. Dieses Prinzip besagt, dass 20 % des Aufwands 80 % der Ergebnisse bringen. Isoliere also die Handlungen mit hohem Mehrwert und konzentriere dich auf diese, anstatt dich mit unzähligen unwichtigen Verpflichtungen zu belasten. Wende dies bei deinen Projekten, Sitzungen oder beim Sortieren deiner E-Mails an.
  2. Hobbys. Warum konzentrierst du dich nicht auf diejenigen, die dir am meisten Freude bereiten? Anstatt zwischen mehreren Aktivitäten hin- und herzuhetzen , wähle ein wirklich inspirierendes Hobby (z. B. Zeichnen, Sport, Musik), das du ernsthaft betreiben möchtest. Das gilt auch für die ausserschulischen Aktivitäten der Kinder: Ihnen Zeit zum Spielen und freie Zeitfenster zu lassen, ist wichtig, um ihre Kreativität zu fördern.
  3. Shopping. Weniger Gegenstände = mehr Klarheit und Freiheit. Behalte im Büro oder zu Hause nur das, was nützlich ist oder dir Freude macht. Wenn du etwas Neues kaufen musst, bevorzuge Langlebiges, auch wenn du dafür mehr Geld investieren musst. Die Effizienz ist garantiert: Billiges muss schneller ersetzt werden, was ebenfalls Energie kostet.
  4. Gezielte soziale Detox-Kur. Reduziere oberflächliche Interaktionen, um in wichtige Beziehungen zu investieren. Sage «Nein» zu Anlässen oder Verpflichtungen, die dich nicht bereichern, und nimm dir Zeit für die wenigen Nahestehenden oder Mitarbeitenden, mit denen der Austausch wirklich zählt.
  5. Vereinfachte Entscheidungen. Wie viel Zeit verlieren wir pro Woche damit, energieraubende Mikro-Entscheidungen zu treffen? Eine originelle Idee zum Kochen, das Outfit für den nächsten Tag, das Reiseziel für die Ferien … Diese scheinbar harmlosen Mikro-Entscheidungen zu reduzieren, macht den Kopf frei. Das gelingt mit einfachen Schritten: zeitlose und neutrale Kleidung kaufen, die sich mit allem kombinieren lässt; das lokale Lebensmittelgeschäft den endlosen Regalen der Supermärkte vorziehen.

Autor*in

Laure Fasel

Laure Fasel

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