Spitze im Job - dank Abnehmspritze?
Suchtverhalten und das berufliche Umfeld sind auch heute noch komplex miteinander verknüpft. Um Fachleuten ein besseres Verständnis für das Thema und Beispiele für bewährte Praktiken zu bieten, startet die nationale Organisation Sucht Schweiz eine neue, umfassende und aktuelle Website mit dem Titel «Sucht und Arbeitswelt». Am Anfang dieses Projekts stand eine Anfrage aus der Praxis nach mehr verfügbaren Ressourcen zu diesem komplizierten und oft tabuisierten Thema.
Angestellte Schweiz ist Teil der Arbeitsgruppe, die das Projekt begleitet hat. Diese setzt sich aus verschiedenen Fachleuten aus der Arbeits- und Suchtwelt zusammen. Exklusiv für dich haben wir Michel Jeanneret, Co-Projektleiter und Suchtspezialist, zum Stand der Dinge in der Schweiz interviewt.
Ursprünglich sollte sie die Website alkoholamarbeitsplatz.ch ersetzen. Ziel war es, das Thema auf Süchte im weiteren Sinne auszudehnen, umfassendere Inhalte anzubieten und Brücken zwischen den Akteuren der Arbeits- und der Gesundheitswelt zu schlagen. Die Zielgruppe sind sowohl Arbeitgebende, Führungskräfte und HR-Verantwortliche als auch Fachleute für betriebliche Gesundheit und Suchtfragen. Die Hauptachsen? Wir informieren über das Thema, geben aber auch Anregungen zur Prävention und zum Handeln in konkreten Situationen. Wir haben die Angebote des Suchthilfenetzes erfasst, an die sich Unternehmen wenden können. Ressourcen wie ein neuer Leitfaden stehen den Unternehmen zur Verfügung und können dort heruntergeladen werden.
Statt von Sucht am Arbeitsplatz würde ich eher von Sucht und Arbeit sprechen. Denn der Konsum einer Person kann ihre berufliche Tätigkeit beeinträchtigen, auch wenn sie nur vor der Arbeit, in den Pausen oder danach konsumiert.
Was die Substanzen betrifft, würde ich ganz einfach sagen: Nikotin. Es ist die am meisten tolerierte und am weitesten verbreitete Substanz. Aber die Raucherpausen und die krankheitsbedingten Absenzen, die durch das Rauchen entstehen, verursachen Kosten, die Arbeitgebende zum Nachdenken anregen.
Generell verfügen wir leider nicht über detaillierte Informationen zu den Trends des Konsums am Arbeitsplatz. Das sollte uns aber nicht daran hindern, über verschiedene aufkommende Themen nachzudenken. Wenn beispielsweise THC demnächst legalisiert wird, wird dies Debatten über die Vereinbarkeit bestimmter beruflicher Tätigkeiten mit dem Konsum auslösen.
Grundsätzlich können alle Bereiche betroffen sein, aber in unterschiedlichem Ausmass. In erster Linie denkt man an das Hotel- und Gastgewerbe, wo Alkohol ständig präsent ist, oder an das Baugewerbe und körperlich anstrengende Berufe.
«Wichtig ist, sich vor Augen zu halten, dass die Faktoren, die eine Sucht verstärken oder ihre Entstehung begünstigen können, in jedem Kontext auftreten können. Sie hängen stark von der Arbeitsorganisation oder dem Management ab.»
Beispiele dafür sind Nachtarbeit oder das Gefühl, ständig über- oder unterfordert zu sein. Auch Isolation, Langeweile und schwere körperliche Arbeit spielen eine Rolle, ebenso wie fehlende Ressourcen für die Arbeit, mangelnde Anerkennung und Führung.
Der Konsum von kulturell akzeptierten Substanzen wie Alkohol und Tabak ist heute bei der Arbeit grundsätzlich gut geregelt. Es gibt interne Reglemente und allgemeine Gesetze, die einzuhalten sind. Die Arbeitswelt ist jedoch ein Spiegel der Gesellschaft. Wenn eine Problemsituation auftaucht, können sich schnell Stigmatisierung oder der Wunsch, das Problem zu verbergen, einstellen.
Das Umfeld spielt dabei eine wichtige Rolle: Wenn die Kolleg*innen einer konsumierenden Person mithelfen, die Situation zu vertuschen oder zu ignorieren, trägt das zum Tabu bei. Und sowohl in unserer Gesellschaft als auch speziell am Arbeitsplatz wird das Auftreten von individuellen Problemen oft als Unfähigkeit der Betroffenen angesehen, mit sich selbst umzugehen. Das halte ich für gefährlich, weil man dann die komplexen Mechanismen ignoriert, die sich hinter Suchtverhalten verbergen. Sie hängen nicht nur vom persönlichen Willen ab.
Das sind Medikamente, die tatsächlich eine Abhängigkeit hervorrufen können, aber nur auf ärztlichen Rat erhältlich sind. Personen, die sich Gedanken über ihren Konsum machen, sollten deshalb mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin sprechen. Am Arbeitsplatz muss man vor allem berücksichtigen, dass die Einnahme solcher Medikamente in vielen Fällen eine psychoaktive Wirkung hat. Angstlösende Medikamente führen zu einer psychomotorischen Verlangsamung oder einer verminderten Aufmerksamkeit. Dies kann dann zu Missverständnissen führen, wenn andere diese Effekte mit dem möglichen Konsum einer anderen Substanz wie Alkohol oder THC in Verbindung bringen.
Jedes Unternehmen ist anders, sei es bezüglich Grösse, interner Kultur, Branche oder Region. Es gibt also kein Patentrezept, das überall und in jedem Umfeld funktioniert: Man muss massgeschneiderte Lösungen finden, die die genannten Kriterien und die verfügbaren Ressourcen berücksichtigen.
Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass einzelne, nur pro forma durchgeführte Initiativen vergeblich sind. Es reicht zum Beispiel nicht aus, die Mitarbeitenden nur über die Gefahren einer bestimmten Substanz zu informieren, was viele Unternehmen tun. Das allein ändert das Verhalten nicht. Wir sehen das bei der Zigarette: Wir alle wissen, dass Rauchen schädlich ist, was uns aber nicht daran hindert, es zu tun.
Eine wirksame Prävention beginnt mit einer spezifischen internen Richtlinie zu Suchtmitteln. Es geht darum, die Regeln schriftlich festzuhalten und spezifische Weisungen zu erlassen. Diese können sich zum Beispiel auf Festanlässe im Unternehmen beziehen.
Die wichtigste Massnahme ist, Arbeitgebende, Führungskräfte und das HR in diesem Thema zu schulen. Diese Schulungen müssen regelmässig und wiederkehrend von ausgewiesenen Fachleuten durchgeführt werden, damit Arbeitgebende auf solche Situationen vorbereitet sind. Externe Organisationen können eine Bestandsaufnahme der Gesamtsituation im Unternehmen machen, Risikofaktoren identifizieren, Anpassungen vorschlagen und die Betroffenen in einer nachgewiesenen Situation begleiten. Wenn man dies umsetzt, sind die Rückmeldungen immer positiv.
Damit sich Massnahmen wirksam entfalten, muss schliesslich der Rahmen stimmen: Das bedingt eine offene und wohlwollende Unternehmenskultur. Diese entwickelt und pflegt man aber über die Zeit und mit dem guten Willen der Beteiligten – dafür gibt es kein Wundermittel.
Im Bereich des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM) haben Arbeitgebende Pflichten und alles ist gut geregelt. Doch über die gesetzliche Verpflichtung hinaus, im Problemfall zu reagieren, fällt die Prävention oft unter den Tisch. Da sie freiwillig ist, hängt sie vom guten Willen des Arbeitgebers ab. So können KMU oder Unternehmen mit weniger Mitteln sie leicht vernachlässigen. Bei einem so grossen Handlungsspielraum in der Prävention hat die Politik nur begrenzte Möglichkeiten. Sie kann jedoch darauf hinwirken, dass mehr Mittel für die Finanzierung der Forschung in diesem Bereich bereitgestellt werden. Das würde helfen, die aktuellen Trends besser zu kennen.
Es ist wichtig, sich nicht zu isolieren. Je nachdem, welche Beziehung man zu den Kolleginnen und Kollegen und zum Arbeitgeber pflegt, kann das berufliche Umfeld eine Form der Unterstützung sein. Je nach Grösse des Unternehmens kann es auch interne Ressourcen geben: betriebliche Gesundheitsdienste, Vertrauenspersonen usw. Ansonsten kann man sich an medizinisch-soziale Fachstellen für Suchtfragen wenden, die es in der ganzen Schweiz gibt und die massgeschneiderte Begleitung anbieten. Diese kann individuell sein oder sogar den Arbeitgeber einbeziehen, um den Erhalt des Arbeitsplatzes oder die Rückkehr an den Arbeitsplatz zu erleichtern.
Vielen Dank, Michel!