«Wir haben in den letzten Jahren einen Prozess etabliert, der sich bewährt hat.»

Martin Kalbermatter ist nicht nur langjähriger Mitarbeitender der Lonza AG in Visp und Leiter Support LP, sondern ebenfalls seit 2018 Präsident der Angestelltenvereinigung (AV) Visp. Jedes Jahr im Herbst steht er vor einer der wichtigsten Aufgaben seines Amtes: den jährlichen Lohnverhandlungen.

Dabei verhandelt er zusammen mit Roman Schweighauser, dem Präsidenten der Angestelltenvereinigung von Basel (AVL), für die Belegschaft der Einzelarbeitsverträge (EAV). Sie umfassen am Standort Visp und Basel fast 5600 Mitarbeitende. In einem Interview verrät er uns, wie er die Verhandlungen zu einem möglichst guten Ergebnis führt.

Jedes Jahr ab dem 1. April erhofft sich die Belegschaft der Lonza eine Verbesserung ihres Lohnes. Wie gehst du als Vertreter der Angestelltenvereinigung vor?

Die Lohnverhandlungen für die generellen Lohnerhöhungen ab April sind ein herausforderndes Thema, denn sie betreffen alle Mitarbeitenden im EAV und wir haben den Anspruch, ein solides Ergebnis zu erzielen. Dafür haben wir in den letzten Jahren zusammen mit dem HR von Lonza einen Prozess etabliert, der sich bewährt hat.

Wie bereitest du dich konkret vor?

Bereits im September und Oktober mache ich mit Roman Schweighauser eine Auslegeordnung für unsere Forderungen. Dabei ziehen wir verschiedene Quellen zurate.

  1. Zum einen prüfen wir die Lohnentwicklungen, die die UBS jährlich publiziert, denn sie decken die ganze Wirtschaftslandschaft ab.
  2. Zum anderen prüfen wir das Lohnargumentarium von Angestellte Schweiz. Das Lohnargumentarium ist eine jährliche Publikation, die Arbeitnehmervertreter*innen mit Verhandlungstaktiken sowie branchenspezifischen Wirtschaftsdaten und Lohnempfehlungen auf die Lohnrunde vorbereitet.
  3. Und drittens schauen wir, was unsere Mitbewerber*innen verhandelt haben.

Was macht ihr mit diesen Informationen?

Unsere Lohnforderungen mit unseren Argumenten und Überlegungen fassen wir in einem Brief zusammen, der an die HR-Verantwortlichen der LONZA AG adressiert ist.

Stellt ihr konkrete Forderungen?

Unser Schreiben ans HR enthält natürlich auch eine konkrete Prozentzahl für die Lohnerhöhungen und eine Begründung und Überlegungen für unseren Vorschlag.

Für uns ist es aber wichtig, dass die Lohnforderungen realistisch sind, was nicht ausschliesst, dass wir – wie bei Verhandlungen üblich – mit höheren Forderungen in die Diskussion gehen. Aber für mich gilt: wenn du stets unrealistische Forderungen stellst, wirst du irgendwann nicht mehr als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen. Im Vergleich mit anderen Pharma-Firmen haben wir in den letzten Jahren gute Ergebnisse erzielt.  

Eure Forderung liegen jetzt dem HR vor. Wie geht’s weiter?

Nun startet Phase zwei: Anfangs Dezember findet ein Meeting mit allen involvierten Parteien statt, welches vom HR organisiert wird. Dort sind die die relevanten HR-Verantwortlichen der LONZA AG sowie die beiden Angestelltenvereinigungen eingeladen.

Die HR-Delegation informiert über die aktuelle Geschäftslage, geplante Investitionen, sie präsentiert einen Branchenvergleich; man diskutiert über Teuerung und die Verteilung in den jeweiligen Lohnbänder nach Geschlechtern. Nach der Darlegung der Ausgangslage seitens der Firma erhalten wir den prozentualen Vorschlag für die Lohnerhöhungen.

Was positiv ist: diese Verhandlungen laufen wirklich auf Augenhöhe. Wir profitieren von dem guten Austausch und dem Vertrauensverhältnis, dass wir an den Standorten haben. In Visp tausche ich mich regelmässig mit HR und der Standortleitung aus, so dass wir die gegenseitigen Herausforderungen kennen.

Findet ihr einen Abschluss in diesem Meeting?

Nein, wir nehmen den Lohnerhöhungsvorschlag der Geschäftsleitung zur Kenntnis und diskutieren diesen innerhalb der Vorstände der Angestelltenvereinigung. Wir machen dann eine Auslegeordnung.

Der Prozess geht nun in die dritte Phase: Nach der Prüfung des Angebotes innerhalb der Angestelltenvereinigungen formulieren wir unsere Gedanken zur Lohnerhöhung in einer Stellungnahme. In den letzten Jahren kamen wir hiermit immer zum Abschluss mit der Geschäftsleitung.

Ihr akzeptiert den Vorschlag der Geschäftsleitung?

Ja, da dieser in den letzten Jahren immer in der Bandbreite unserer Forderungen lag. Aber im Ton unserer Antwort wird deutlich, ob wir das Angebot sehr gut finden oder ob es mehr oder weniger akzeptabel ist.

Als Abschluss des Prozesses wird die Belegschaft in einer internen Mitteilung über das Ergebnis der Lohnerhöhungen informiert. Im letzten Jahr wurde bereits im Dezember kommuniziert. Dies liess genug Zeit, um alle weiteren Schritte und die Payroll-Systeme für den April anzupassen.

Wie schätzt du die Verhandlungen für 2027 ein?

Die geopolitischen Veränderungen haben uns schon letztes Jahr beschäftigt und werden es 2027 erneut tun: Zölle, Kriege und steigende Rohstoffpreise schlagen erst mit Verzögerung durch. Genau deshalb müssen wir uns gut vorbereiten; es werden wichtige Verhandlungen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Lohnargumentarium von Angestellte Schweiz

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