«Menschen sind grenzenlos lernfähig»

KI, hybrides und agiles Arbeiten. Auch im neuen Jahr werden uns die neuen Arbeitswelten beschäftigen. Es geht darum, sich mit den Prinzipien von New Work auseinanderzusetzen und einen persönlichen Bezug zur neuen Arbeitsrealität zu finden, sagt Arbeitspsychologin Nicole Kopp im Interview.

Jetzt nach den freien Tagen über die Festtage: Was braucht es, damit sich Arbeitnehmende freuen, wieder an den Arbeitsplatz zu gehen?

Nicole Kopp: Es gibt verschiedene Faktoren, die uns bei der Arbeit antreiben. Wichtig ist, dass Arbeitnehmende wissen, was sie antreibt. Das kann die spannende, sinnvolle Aufgabe sei, die der Job bietet. Der Austausch mit dem Team. Oder die Gestaltungsmöglichkeiten. Ein Arbeitsumfeld, das geprägt ist von Wertschätzung und psychologischer Sicherheit, ist zentral. Wenn sich die Leute trauen, Ideen und Kritik zu äussern, gehen sie auch gerne ins Büro.

Und wenn das alles nicht gegeben ist?

Das Leben ist zu kurz, um unglücklich zu sein. Deshalb sehe ich eine Kündigung in so einem Fall tatsächlich als Möglichkeit. Es ist aber auch legitim, wenn die Arbeit rein zum Geldverdienen da ist. Ich finde es allerdings wichtig, dass das nur für eine kurze Zeit so ist. Es ist erfüllender, wenn Menschen Arbeit machen, die sie wirklich wollen.

Was ist «New Work»?

New Work
Zu den neuen Arbeitswelten gibt es verschiedene Vorstellungen, Nicole Kopp hält sich dabei an die Definition der Autorinnen Joana Breidenbach und Bettina Rollow: «New Work ist die Transformation der Arbeitswelt, die den Mitarbeiter und seine Fähigkeiten ins Zentrum stellt, in der Hierarchien verflacht oder sogar ganz abgeschafft werden und von gemeinsamer Führung oder Selbstorganisation abgelöst werden».

Agilität wird oft in einem Zug mit New Work genannt. Agilität ist ursprünglich ein Prinzip der Software-Entwicklung und ist die Fähigkeit, auf Veränderungen zu reagieren. Das agile Manifest beinhaltet klare Richtlinien: vier Prinzipien, zwölf Werte, verschiedene Methoden. New Work hat im Vergleich dazu keine verbindliche Werte und Prinzipien. Mit Agilität können die Prinzipien von New Work umgesetzt werden.

Die Arbeitswelt ist im Wandel: Was kann ich tun, wenn ich als Mitarbeiterin von diesen Neuerungen überfordert bin?

Das Wichtigste ist, darüber zu sprechen und den Ängsten ins Auge zu schauen. Ich bin überzeugt: Wir Menschen sind grenzenlos lernfähig. Heute hat jede*r Senior*in ein Handy, das war vor einigen Jahren nicht selbstverständlich. Veränderungen gehören zum Leben dazu, aber man muss nicht alles mitmachen. Nicht jede*r muss im Metaverse aktiv sein.

Und was, wenn mein Arbeitsumfeld noch hierarchisch geprägt ist oder z.B. die Chefin, der Chef oder ältere Teammitglieder sich weigern, die neue Realität anzunehmen und umzusetzen?

Hier gibt es zwei Ansätze für Mitarbeitende: Erstens, die Vorteile des neuen Modells aufzeigen. Zum Beispiel, dass flexible Öffnungszeiten zu längeren Servicezeiten und besserem Kundenservice führen. Zweitens, aufzeigen, wie bestehende Schwierigkeiten des Unternehmens verbessert werden können. Als Beispiel: Durch hybrides Arbeiten wird der Radius der Bewerbungen vergrössert. Eine wichtige Lösung gegen den Fachkräftemangel.

Trotzdem, nicht jede Branche eignet sich für die Modelle der neuen Arbeitswelten.

Es geht nicht darum, alles 1:1 umzusetzen, sondern darum, dass sich Unternehmen mit den Prinzipien von «New Work» beschäftigen und sich fragen, was davon in der Branche angewendet werden kann. Ich kenne das Beispiel einer Bäckerei, die den Arbeitsbeginn von 2 auf 6 Uhr verschoben hat. So arbeiten die Angestellten besser. Das frische Brot gibt es halt erst am Nachmittag.

«Durch hybrides Arbeiten wird der Radius der Bewerbungen vergrössert. Eine wichtige Lösung gegen den Fachkräftemangel.» 

Nicole Kopp, Arbeitspsychologin

Weil die künstliche Intelligenz (KI) immer wichtiger wird, sollen Arbeitsnehmende ihre «soft skills» die persönlichen und sozialen Fähigkeiten stärken. Was bedeutet das genau?

Die inneren Strukturen werden wichtiger als die äusseren. Das heisst insbesondere die Beziehungskompetenzen, Kritik- und Kommunikationsfähigkeit. Es hilft, wenn ich ein Bewusstsein entwickle, was es in meinem Arbeitsumfeld braucht. Dann schaue ich, wer das schon gut macht, wer mein*e Mentor*in sein könnte, oder wo ich mich weiterbilden kann, mit Kursen, Videos oder Blog-Artikeln. Natürlich ist ein personalisiertes Coaching toll, aber auch in einem Standardkurs kann man viel lernen. Das Gute ist: An soft skills kann man arbeiten, die Fortschritte sind gut sichtbar. Am allerwichtigsten ist jedoch eine gute Selbstreflexion: sie lässt mich verstehen, was ich verbessern kann.

Nicole Kopp

Die Arbeitspsychologin unterstützt als Beraterin und Coach Führungskräfte, Teams und Organisationen auf dem Weg in die neue Arbeitswelt. Dazu hat sie 2020 die Beratungsfirma GoBeyond mitgegründet.

Autor:in

Manuela Donati

Manuela Donati

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