Dieser (utopische?) Traum: mit 40 in Rente

Wir stellen dir die «FIRE»-Bewegung vor: Financial Independence, Retire Early. Ein Konzept, das immer mehr junge Menschen begeistert, die das Erwerbsleben frühzeitig hinter sich lassen möchten. Ihr Credo? Investieren und sparen.

Februar 2026. Eine Kamera des RTS begleitet Valentin, Jurist, durch einen Supermarkt, der für seine tiefen Preise bekannt ist. Der junge Mann hat die Prospekte verschiedener Läden bereits im Voraus studiert und weiss genau, welche Früchte und Gemüse er in den Einkaufskorb legen wird. Das entscheidende Kriterium? Der Preis. Er greift zu den Aktionsangeboten.

Valentin hat keine besonderen finanziellen Sorgen. Er will so viel wie möglich sparen, um die Million zu erreichen – durch konsequente Ausgabendisziplin und renditestarke Investitionen. Die «FIRE»-Bewegung empfiehlt, rund 2,5 Millionen (für die Schweiz) anzusparen, bevor man die ersehnte finanzielle Unabhängigkeit – das Symbol der Freiheit – erreicht. Das in den Neunzigerjahren entstandene Konzept hat dank den sozialen Medien stark an Fahrt gewonnen.

Eine Antwort auf die Überkonsum-Gesellschaft?

«FIRE» begeistert die Generation Z, die sich eine bessere Work-Life-Balance wünscht und den heutigen Überkonsum offen in Frage stellt. Ein Beispiel? Kürzlich hat eine Sendung das Abenteuer von Aline und Olivier begleitet, die mit dem Kanu von der Schweiz bis zum Nordkap gepaddelt sind. Das Paar, Mitte vierzig, hat zwanzig Jahre lang zu 80 Prozent gearbeitet, mit einem Lohn von je rund CHF 4'000.–. Sie lebten in einem Einzimmerapartment. Heute reisen sie ohne festen Wohnsitz, mit einem Jahresbudget von CHF 25'000.–. Ein Lebensstil weit abseits der Norm – aber einer, der ihren Werten und ihrer Lust aufs Entdecken entspricht.

Sparen und investieren

Dabei verlangt die «FIRE»-Bewegung keineswegs vollständige Askese. Wer seine Wohnsituation verkleinert und auf gewisse Extras wie Restaurantbesuche oder neue Kleider verzichtet, kann – je nach persönlicher Situation – deutlich mehr beiseitelegen, als man meinen würde.

Blogs wie der Mustachian Post (alias Marc Pittet) – FIRE through frugalism – haben sich auf Tipps zur Einkommenssteigerung und die Vorteile des Investierens spezialisiert. Laut dem Gründer des Blogs, dem Autor des Buches «Free by 40 in Switzerland», ist es keine Option, sein Erspartes einfach auf dem Bankkonto schlafen zu lassen, wenn man «FIRE» werden will. Aktien oder Immobilien hingegen seien interessante Wege, um Geld zu vermehren.

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Nicht mehr arbeiten = frei sein?

Die Vorteile einer Frühpensionierung liegen auf der Hand: weniger chronischer Stress und seine negativen Folgen für die Gesundheit, zurückgewonnene Freiheit und Raum für die persönliche Weiterentwicklung. Das kann ein Kunstprojekt sein oder die Wiederaufnahme eines Studiums. Für «FIRE»-Anhängerinnen und -Anhänger ist das Ziel selten, den Rest des Lebens vor dem Fernseher zu verbringen. Es geht darum, Arbeit als Option zu betrachten – nicht als Pflicht.

Die oft unterschätzten Nachteile

Neben der finanziellen Herausforderung hängt das «FIRE»-Projekt von Umständen ab, die man nicht steuern kann. Niemand ist vor Inflation, wirtschaftlichen Krisen oder persönlichen Gesundheitsproblemen gefeit. Diese könnten den gesamten Lebensentwurf ins Wanken bringen – ohne dass sich die Jahre der Entbehrung nachholen liessen.

Sinnverlust und Isolation

Arbeit dient nicht nur dem Geldverdienen. Sie strukturiert den Alltag, gibt Ziele vor, schafft Begegnungen und trägt oft wesentlich zur eigenen Identität bei. Wer das Erwerbsleben abrupt verlässt, kann sich orientierungslos fühlen – manchmal sogar nutzlos –, besonders wenn noch keine neuen Projekte aufgebaut wurden. Mit anderen Worten: Die eigenen Tage zu füllen kann schwieriger sein als sie freizuräumen.

Der Arbeitsplatz ist auch ein sozialer Raum. Der tägliche Austausch, gemeinsame Projekte oder informelle Gespräche tragen für viele Menschen wesentlich zum Wohlbefinden bei. Eine sehr frühe Pensionierung kann diese Kontakte deutlich reduzieren – vor allem dann, wenn das Umfeld weiterhin Vollzeit arbeitet.

Freiheit, die zur Last werden kann

Paradoxerweise bringt unbegrenzte Freizeit nicht automatisch mehr Zufriedenheit. Wenn jeder Tag offen ist, fällt es manchen schwer, einen Rhythmus oder klare Ziele zu finden. Psychologinnen und Psychologen sprechen vom «Paradox der Wahl»: Je mehr Möglichkeiten man hat, desto schwieriger wird es, das zu wählen, was wirklich glücklich macht.

Und wenn die beste Lösung irgendwo dazwischen liegt?

Als Arbeitnehmerorganisation setzen wir uns für ein erfülltes Berufsleben ein – eines, das sinnstiftend ist und zur persönlichen Entwicklung beiträgt. Auch die Unternehmen tragen Verantwortung: Sie müssen attraktive Arbeitsbedingungen schaffen, flexible Arbeitsmodelle mit Home-Office oder Workations anbieten und es ermöglichen, den Beschäftigungsgrad bei Bedarf zu reduzieren.

Dass immer mehr Menschen Freiheit mit einem vollständigen Rückzug aus dem Erwerbsleben gleichsetzen, zeigt zweierlei: Das Verhältnis zur Arbeit wandelt sich – und es bleibt noch einiges zu tun beim Thema Work-Life-Balance. Wären manche «FIRE»-Anhänger*innen bei besseren Bedingungen im Job geblieben? Das werden wir vielleicht in einem nächsten Artikel herausfinden!

 

Quellen

La retraite à 40 ans, un rêve nourri de calculs, d'investissements et de frugalité | RTS

Cap Kayak - Play RTS

Suisse: Les plus de 50 ans travaillent plus à temps partiel - Blick

Mustachian Post (aka Marc Pittet) - FIRE through frugalism

 

Autor*in

Laure Fasel

Laure Fasel

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