Die Tücken der Lehrstellensuche

In der Schweiz gibt es tausende offene Lehrstellen und gleichzeitig viele Jugendliche, die verzweifelt auf Lehrstellensuche sind. Das Problem: Angebot und Nachfrage klaffen auseinander.

Die Berufswahlschule Bülach ZH wird von Jugendlichen besucht, die während der Sek-Schulzeit keine Lehrstelle gefunden haben. Viele Schüler*innen mussten zahlreiche Absagen verdauen. Bei einigen setzt sich dies an der Berufswahlschule fort, sodass der Wunschberuf irgendwann in die Ferne rückt. Rektor Fabian Rupp und sein Team unterstützen die Jugendlichen in dieser schwierigen Phase.  «Eine unrealistische Berufswahl kann problematisch sein – eine vorschnelle Notlösung aber ebenfalls. Ziel ist eine tragfähige Passung, bei der Interesse, Fähigkeiten, Anforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten gut zusammenkommen.»

Das Passungsproblem

Der Schweizer Lehrstellenmarkt ist insgesamt stabil, jedoch besteht ein Passungsproblem. In einzelnen Berufsfeldern bewerben sich sehr viele Jugendliche auf wenige Lehrstellen, während in anderen Branchen Ausbildungsplätze unbesetzt bleiben. «Das gesellschaftliche Image eines Berufs beeinflusst die Berufswahl. Jugendliche beurteilen Berufe nicht nur nach den konkreten Tätigkeiten, sondern auch nach gesellschaftlicher Anerkennung, Lohn- und Entwicklungsmöglichkeiten,» so Fabian Rupp.

Handwerkliche Berufe leiden unter ihrem Image

Begehrt sind Lehrstellen in den Bereichen KV und Informatik. Für viele handwerkliche Betriebe ist es hingegen schwierig, Jugendliche zu gewinnen. Minur Ajdaroski, Leiter Bildung & Arbeitssicherheit beim Verband BodenSchweiz, erklärt sich dies mit einem veralteten Image der Handwerksberufe. «Körperlich anstrengend, schmutzig und wenig attraktiv, so sehen leider viele Junge den Bodenleger-Beruf. Dies erschwert den Betrieben, geeignete Jugendliche zu finden.»

Für BodenSchweiz ist Nachwuchsförderung deshalb ein zentrales Thema. Der Verband motiviert seine Betriebe, den Jugendlichen Einblicke in den Beruf zu gewähren. Auch die Berufsmeisterschaften SwissSkills helfen mit, die handwerklichen Tätigkeiten sichtbar zu machen. «Gerade im handwerklichen Bereich ist es entscheidend, den Beruf nicht nur zu erklären, sondern ihn selbst erleben zu können. Wenn Jugendliche sehen, mit welcher Präzision, Kreativität und Professionalität gearbeitet wird, entsteht ein ganz anderes Bild,» sagt Minur Ajdaroski.

Motivation stärker gewichten

Auch Domenica Mauch, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsbildungsportals Yousty, wünscht sich, dass Betriebe den Erstkontakt zu den Jugendlichen unkomplizierter gestalten. Ihr Ratschlag an die Unternehmen: Motivation und das Zwischenmenschliche stärker gewichten, statt stur auf die schulischen Leistungen zu beharren. «Die Jugendlichen sollten schnell und unkompliziert die Chance auf einen Schnuppertag bekommen. Der Bewerbungsprozess ist meist zu kompliziert und die Hürde für den Erstkontakt liegt zu hoch, was abschreckend wirken kann.»

Den Jugendlichen den Horizont erweitern

Das Lehrerteam der BWS Bülach unterstützt Schüler*innen dabei, sich vom Traumberuf zu lösen und den Blick zu erweitern. Zu Beginn ist dies meist ein schmerzhafter Prozess, der jedoch in den meisten Fällen zu einem Erfolgserlebnis führt. «Wir versuchen herauszufinden, welche Tätigkeiten, Arbeitsbedingungen und Entwicklungsmöglichkeiten die Jugendlichen interessieren. Ausgehend davon suchen wir verwandte Berufe, in denen ähnliche Interessen und Fähigkeiten gefragt sind», so Fabian Rupp.

Die Berufswahl ist zweifellos eine wichtige Weichenstellung für die Zukunft eines jungen Menschen. Doch die Zeiten, in denen Angestellte ein ganzes Berufsleben lang dieselbe Tätigkeit ausübten, sind passé. Die Berufslehre sollte deshalb als solide Ausgangsbasis verstanden werden, auf der man sich mit gezielten Weiterbildungen beruflich weiterentwickeln kann.

Autor:in

Christian  Vogt

Christian Vogt

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