Wie erkennt man seinen Traumjob?

Unsere wichtigsten beruflichen Entscheidungen hängen oft von Kleinigkeiten ab: einer attraktiven Stellenanzeige, einem Vorstellungsgespräch und einer begeisterten Zusage am Telefon. Wie lässt sich feststellen, ob der Job, der auf dem Papier ideal erscheint, dies auch in der Praxis ist?

Im Zug um 8:04 Uhr von Basel nach Zürich scrollt Melanie auf dem Weg zur Arbeit durch LinkedIn. Die 42-jährige Ingenieurin schätzt ihre Arbeit: interessante Aufgaben, nette Kollegen und ein angemessenes Gehalt. Doch an diesem Morgen weckt eine Stellenanzeige ihr Interesse: Produktmanager*in in einem jungen Medizintechnik-Start-up.

Melanie liest die Anzeige zweimal durch: internationale Kontakte; Entwicklung neuer Produkte; Herstellung direkter Verbindungen zwischen Technologie und Markt. Was, wenn dies die Chance wäre, auf die sie seit Jahren gewartet hat?

Gerade als sie im Begriff ist, ihren Lebenslauf einzureichen, schleicht sich ein Zweifel in ihre Gedanken: «Woher soll ich wissen, ob mir dieser Beruf gefällt? Schliesslich habe ich ihn noch nie ausgeübt!»

Das Paradoxon der Berufswahl

Ein Stellenwechsel ist jedes Mal ein spannendes Abenteuer. Und unter einer Reihe von Bewerbern ausgewählt zu werden, bereitet grosse Zufriedenheit. In der Freude über das Neue vergisst man oft einen wichtigen Punkt: Die Argumente, die unsere Entscheidungen leiten, beruhen auf wenig Konkretem.

Was trennt uns im Grunde genommen von einer neuen Stelle? Eine Stellenbeschreibung auf Papier. Ein oder zwei Vorstellungsgespräche vor Ort. Wenn man Glück hat, ein kurzer Austausch mit den bereits dort tätigen Kollegen. Letztendlich sind das nur wenige Anhaltspunkte, um zu entscheiden, womit man acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche beschäftigt sein wird.

Zudem sagen Berufsbezeichnungen nur bedingt darüber aus, was eine Tätigkeit tatsächlich beinhaltet. Hinter der Bezeichnung « Ingenieurin » verbirgt sich eine unendliche Vielfalt an Aufgaben: Projekte entwerfen, Gespräche mit Kunden führen, Teams leiten… Eine Produktmanagerin kann Strategin, Vertriebsmitarbeiterin oder Organisatorin sein – manchmal alles an einem einzigen Tag.

Melanie stellt sich daher die Frage: Ist die Wahl eines Berufs gleichbedeutend mit der Wahl seines Lieblingsgerichts, ohne es jemals probiert zu haben? Suchen wir zu oft nach der richtigen Berufsbezeichnung und zu selten nach dem richtigen Beruf?

Was macht mir wirklich Freude?

Melanie geht ihre Überlegungen nun anders an. Von der Frage «Möchte ich wirklich Produktmanagerin werden?» gelangt sie zu: «Welche Tätigkeiten geben mir Energie – und welche rauben sie mir?»

Sie denkt an die vergangenen Wochen zurück. Ein kompliziertes technisches Problem lösen? Das gefällt ihr. Drei Stunden an einem Excel-File arbeiten? Nicht wirklich. Einem Kunden erklären, warum eine technische Lösung funktioniert? Überraschenderweise liebt sie das. Eine Präsentation vor zwanzig Personen? Früher war ihr das unangenehm; heute meistert sie das problemlos.

Plötzlich wird die Stellenanzeige greifbarer. Denn vielleicht lässt sich ein Traumjob nicht auf eine bestimmte Berufsbezeichnung reduzieren. Vielleicht handelt es sich vielmehr um eine optimale Mischung aus Tätigkeiten, die zu uns passen.

Man kann einen Beruf nicht einfach « googeln »

Natürlich können Erfahrungsberichte im Internet hilfreich sein. Doch praktische Erfahrungen sind noch hilfreicher. Das erklärt, warum man im Laufe einer Karriere immer klarer erkennt, was man tun möchte und was nicht.

Wenn bestimmte Tätigkeiten noch nie ausprobiert wurden, ist es dann möglich, sie im kleinen Rahmen zu testen? Kann man einen Kollegen einen Tag lang bei seiner Arbeit begleiten? Mit drei Personen sprechen, die diesen Beruf tatsächlich ausüben? Eine Vertretung übernehmen?

Wenn aus Theorie Erfahrung wird, sind unsere Zufriedenheit und unsere momentanen Empfindungen wertvolle Indikatoren – weit mehr als blosse Projektionen. Vor allem dann, wenn man glaubt, seinen Traumjob schon fast in greifbarer Nähe zu haben: Die idealisierten Vorstellungen, die manchmal tief in uns verankert sind, können sich als verzerrt erweisen. In diesem Fall ist die Enttäuschung enorm. Umgekehrt können uns manche Aufgaben, die man für langweilig hält, positiv überraschen.

Was sind meine Werte?

Arbeit ist mehr als nur eine Abfolge von Aufgaben. Melanie darf zum Beispiel von zu Hause arbeiten. Für sie spiegelt diese Möglichkeit das Engagement ihres derzeitigen Arbeitgebers für das Wohlbefinden seiner Mitarbeiter*innen wider. Zudem schätzt sie dessen Bemühungen im Bereich des Klimaschutzes. Wird sie durch einen Unternehmenswechsel besser fahren?

Bestimmte Tools können ihr bei ihren Überlegungen helfen: Die Plattform goog-jobs.info beispielsweise listet Stellenangebote aus allgemeinen Jobbörsen auf, deren Arbeitgeber jedoch über ein anerkanntes Gütesiegel in den Bereichen Umweltschutz, Smart Work oder Vereinbarkeit von Beruf und Familie verfügen. Die Stellenangebote lassen sich nach den Kriterien filtern, die den Bewerber*innen besonders am Herzen liegen.

Nachhaltig, familienfreundlich, flexibel – alle guten Jobs auf einen Blick – good-jobs.info

Wie sieht es mit den Kompetenzen aus?

Ein Traumjob bedeutet, dass wir unsere Kompetenzen voll entfalten können. Diese zu kennen und zu definieren, ist in der Praxis schwieriger als auf dem Papier. Manche Menschen entdecken erst mit 40 Jahren, dass sie über hervorragende Führungsqualitäten verfügen. Andere erkennen nach zwanzig Jahren Berufserfahrung, dass die Beratung besser zu ihnen passt als die Technik. Wieder andere stellen fest, dass sie in Bereichen brillieren, die sie zunächst gar nicht interessiert haben. Aus all diesen Gründen verlaufen Karrieren selten so geradlinig, wie sie in einem Lebenslauf erscheinen.

Vielleicht gibt es den Traumjob gar nicht?

Melanie hat begonnen, ihr Anschreiben zu verfassen. Dennoch fällt es ihr schwer, es zu Ende zu bringen. Ist das ihr Traumjob? Tief in ihrem Inneren weiß sie es nicht. Und vielleicht liegt genau darin das Problem.

Die Hoffnung, DEN Beruf zu finden, der perfekt und für immer zu einem passt, birgt die Gefahr der Enttäuschung. Im Laufe des Lebens verändern sich unsere Wünsche. Unsere Interessen ändern sich. Unsere Erwartungen und Kompetenzen entwickeln sich weiter.

Die richtige Frage, die sich Melanie daher stellen sollte, lautet: Was möchte ich als Nächstes ausprobieren? Eine Frage, die man mit offenem Geist angehen sollte, indem man das gewisse Risiko akzeptiert, das eine Entscheidung für eine Veränderung mit sich bringt: das Verhältnis zu den Kollegen, die Zusammenarbeit mit den Kunden… All dies lässt sich selten im Voraus absehen. Und die Probezeit dient auch dazu, Neues auszuprobieren.

Eine Herausforderung für Unternehmen

Um Talente im eigenen Unternehmen zu halten, müssen diese Entwicklungen berücksichtigt werden, die sowohl zum Leben als auch zur beruflichen Laufbahn untrennbar gehören. Ergänzend zur beruflichen Weiterbildung ist die Möglichkeit für Mitarbeiter*innen, andere Bereiche auszuprobieren, in eine benachbarte Abteilung einzutauchen oder einfach an einem neuen Projekt mitzuwirken, ein wichtiger Motivationsfaktor.

In einer sich wandelnden Arbeitswelt beginnt die berufliche Weiterentwicklung nicht immer mit einem neuen Abschluss. Sondern vielleicht damit, etwas zu tun, was man noch nie zuvor getan hat.

Autor:in

Laure Fasel

Laure Fasel

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