Kündigen statt weitermachen?

Erschöpfung und psychische Probleme am Arbeitsplatz sind für jeden von uns belastend. Wenn Selbstfürsorge im Privatleben nicht mehr reicht, um den Ausgleich zu finden, denkt man schnell daran, zu kündigen. Diese Handlung sollte allerdings wohlüberlegt sein.

Belastungen in der Arbeitswelt

17 Jahre ohne Ferien, danach der totale Zusammenbruch. Anfang des Jahres machte die Geschichte eines Schweizer Arztes Schlagzeilen, der sich zu Tode gearbeitet hatte. Auch wenn es sich hier um ein Extrembeispiel handelte, zeigen aktuelle Studien einen Trend: psychische Belastungen nehmen zu und zum Teil ist der Arbeitsplatz Grund dafür.

Konzentrationsprobleme, Leistungsabfall, Gereiztheit: Das sind keine Einzelschicksale, sondern ein Muster. Das zeigt auch eine Studie von WorkMed zum Verhältnis von Arbeit und Psyche: Mehr als die Hälfte der Befragten leidet unter psychischen Problemen, die sich direkt auf die Arbeit auswirken. Und die Gründe sind unbequem. Belastendes Teamklima, Konflikte und eine problematische Betriebskultur werden als Hauptgründe für psychische Arbeitsprobleme gesehen. Genauso diese Dinge sind aber entscheidend für die Problemlösung.

Dass Arbeitssituationen belastend sein können, spiegelt sich auch in den Ergebnissen einer, von Angestellte Schweiz in Auftrag gegebenen Umfrage wider: Eine von vier Personen macht sich Sorgen um ihren Job; eine von zehn Personen hält es für sehr wahrscheinlich, die Stelle bald zu verlieren. Die Verunsicherung wird insbesondere auf strategische Unternehmensentscheide zurückgeführt. Das heisst im Umkehrschluss: Es fehlt Vertrauen, die Motivation leidet und auch vermehrt können Konflikte entstehen.**  

Vielfältige Stressoren

Belastungen auf der Arbeit sind nur ein paar Gründe für Stress. Oft spielen auch unbewusste Erziehungsmuster eine Rolle. Unsere Gesellschaft setzt noch immer auf perfekte Leistungen, bei der Arbeit und im Privaten: «Sei erfolgreich, sei perfekt», solche Glaubenssätze begleiten viele von uns ein Leben lang.

Dazu kommt neuer Ballast: Seit einigen Jahren sorgen Dauererreichbarkeit im digitalen Zeitalter und geopolitische Krisen für zusätzlichen Druck. Selbst wer seinen Stress lange als positiv und antreibend erlebt, kann irgendwann an einen Kipppunkt gelangen, wenn Abschalten nicht mehr möglich ist und die Überbeanspruchung zum Dauerzustand wird.

Für sich sorgen

Die Gründe für Stress und Belastungen können somit umfangreich sein. Ein möglicher Hebel dagegen: Selbstfürsorge (Self-Care).

In der Fachliteratur bedeutet Self-Care, sich selbst wertzuschätzen, eigene Befinden und Bedürfnisse ernst zu nehmen, und wiederum einen Beitrag zum eigenen Wohlergehen zu leisten.

Doch was, wenn eine gesunde Work-Life-Balance im stressigen Job nicht mehr möglich ist?

Arbeitnehmende suchen nicht selten eine*n Psycholog*in auf, um professionelle Hilfe zu erlangen. So auch Martin M. (53 Jahre alt): «Meine Psychologin hat mir geraten, mir meiner Werte bewusst zu sein und für mich zu entscheiden, ob ich dahinterstehen kann. Sie meinte, dass ich im Job Erfahrung genug habe und nicht mehr allen etwas beweisen muss. Also soll ich mich auf meine Ansprüche konzentrieren und entscheiden, ob das für mich stimmt oder nicht - love it, leave it, or change it ist ihre Devise.»

Warten – nicht immer eine Strategie

Doch wenn nichts mehr hilft, kommt oft der Wunsch nach einer Kündigung auf, ohne einen neuen Job oder Pläne für später zu haben.

«Um keine Einbussen bei der Arbeitslosenkasse zu haben, sollte man erst kündigen, wenn ein neuer Job vorliegt. Oder aber man kann der Arbeitslosenkasse ein Arztzeugnis vorlegen, welches attestiert, dass der Job unzumutbar ist.»

Pierre Derivaz, Rechtsanwalt bei Angestellte Schweiz, warnt vor unüberlegten Handlungen.

Um keine impulsiven Entscheidungen zu treffen, lohnt es sich eine Checkliste zu erstellen und für sich zu beantworten:

Was spricht dafür, ohne neuen Job zu kündigen?

  1. Nicht mehr gesund werden: Körperliche und psychische Warnsignale solltest du ernst nehmen. Es kann in einigen Fällen ratsam sein, zu kündigen und sich auf das Gesundwerden zu konzentrieren. Falls tatsächlich eine Erkrankung vorliegt, genau prüfen, abwägen, nicht kündigen. 
  2. Nicht sicher sein: Sicherer Job, unsichere Bedingungen: Wenn dein Arbeitsplatz Gesundheitsrisiken oder Unfallgefahren birgt und dein Arbeitgeber nichts dagegen unternimmt, kann eine schnelle Kündigung gerechtfertigt sein.
  3. Ausgenutzt werden: Unbezahlte Überstunden als Dauerzustand, keine Aussicht auf Entlastung, Bitten um Ausgleich werden ignoriert oder vertagt: Wer so arbeitet, wird ausgenutzt. Lass dich bei einem Arbeitnehmerverband beraten. In solchen Fällen ist die Kündigung ernsthaft in Betracht zu ziehen.
  4. Einen Plan für danach haben: Du hast zum Beispiel eine Weiterbildung, ein Sabbatical mit klarer Struktur, Teilzeit-Selbstständigkeit oder ähnliches geplant. Du springst also nichts «ins Leere», sondern in eine geplante Zwischenphase. Dadurch sinkt das Risiko, in einer passiven, belastenden Arbeitslosigkeit zu landen.

 

Welche Punkte sprechen möglicherweise gegen eine Kündigung?

  1. Finanziell schlechter aufgestellt: Wer selbst kündigt, muss in der Regel drei Monate auf das erste Arbeitslosengeld warten. Diese Zeit ohne Einkommen muss finanziell überbrückt werden. Allerdings gibt es Ausnahmen: Die Sperrfrist kann auch bei eigener Kündigung entfallen, etwa wenn ein ärztliches Attest belegt, dass das Verbleiben an der Arbeitsstelle aus gesundheitlichen Gründen unzumutbar ist. 
  2. Psychisch belastend: Arbeitslosigkeit wird von vielen als identitätsbedrohend oder schambesetzt erlebt. Dies kann sich auch bei Bewerbungen widerspiegeln: schlechtere Verhandlungsposition beim neuen Arbeitgeber mit dem Gedanken «die*der Bewerber*in ist auf unseren Job angewiesen». Andererseits: In Branchen mit Fachkräftemangel und hoher Dynamik zählt Verfügbarkeit als Plus; der Effekt ist also branchen- und profilspezifisch.
  3. Intern noch nicht alles ausgeschöpft: Du hast deine Optionen (interne Lösungen, Pensumsanpassung, ärztliche Einschätzung, Beratung bei Verband/RAV) noch nicht ausgeschöpft.
  4. Die Lücke erklären: Lücken im Lebenslauf müssen erklärt werden. Das ist zwar heute normaler, aber sie brauchen eine klare, glaubwürdige Geschichte.

 

Mehr Informationen zur Studie von WorkMed: Psychische Erkrankung am Arbeitsplatz | Angestellte Schweiz

Mehr Einblicke in die Befragung zur Jobunsicherheit: Jobverunsicherung nimmt zu – besonders bei Jungen | Angestellte Schweiz

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