«Urteilskraft und Gespür werden wichtiger.» Ein Interview mit Roger Oberholzer
In der Wissenschaft ist «Neugier» ein beliebtes Thema. Francesca Gino, Professorin an der Harvard Business School, hat über Jahre untersucht, was Neugier in Unternehmen bewirkt.
Sie kommt zu der Erkenntnis: Führungskräfte sollten Mitarbeitenden aufgrund ihrer Neugier einstellen, selbst Neugier vorleben, Lernziele in den Vordergrund stellen, den Mitarbeitenden ermöglichen, ihre Interessen zu erkunden und zu erweitern, sowie Warum?, Was wäre, wenn…? und Wie könnten wir…?-Tage einführen. Dies würde ihren Unternehmen helfen, sich an unsichere Marktbedingungen und externen Druck anzupassen, und den Geschäftserfolg zu steigern.*
Auch Carl Naughton, Arbeits‑ und Organisationspsychologe, beschäftigt sich mit «Neugier». In aktuellen Vorträgen und Keynotes verweist er auf den Curiosity-Report, einem Bericht, an dem Naughton als Mitglied des Merck Curiosity Council mitgewirkt hat (vgl. IAP Impuls 2026), vom Pharmaunternehmen Merck in Auftrag gegeben und auf ihre Organisation bezogen. Der Report aus dem Jahre 2020 zeigt auf: Je höher die hierarchische Position, desto grösser das Neugierpotenzial. Besonders hoch war es allerdings bei der Gruppe der Projektmanager*innen, die immer wieder neue Themen bearbeiten. Spielt das Alter eine Rolle? Gemäss Report ist Neugier eine Frage des Alters: Die höchsten Neugierwerte bei den 35- bis 45-Jährigen erzielt. Im Vergleich dazu wies die Generation unter 25 niedrigere Werte auf, was durch mangelnde Erfahrung und Herausforderungen im neuen Arbeitsumfeld erklärt wird. In der Altersgruppe ab 55 Jahren scheint das Interesse an der Auseinandersetzung mit neuen Themen und Ideen bis zu einem gewissen Grad ebenfalls abzunehmen.
Die Unternehmensleitung von Merck glaubt, dass in einem schnelllebigen Geschäftsumfeld Innovation ein entscheidender Motor für Fortschritt ist. Die Förderung der Neugierde im Unternehmen führt gemäss Merck zu einem Umfeld, in dem engagierte Teams gedeihen und innovativ sein können.
Wie funktioniert Neugier im Körper? Barbara Studer, Neurowissenschaftlerin an der Universität Bern, erklärt in einem Interview die Zusammenhänge. Wenn wir neugierig sind, steigt die Dopaminausschüttung und damit unsere Lernfähigkeit. Das Gehirn wird empfänglicher für neue Informationen, speichert sie tiefer ab und verknüpft sie stärker. Sie fördert auch die geistige Flexibilität, die eine Schlüsselressource in Transformationszeiten darstellt. Besonders bemerkenswert: Dieser Effekt kennt kein Verfallsdatum. Neugier hält das Gehirn flexibel und wirkt kognitivem Abbau entgegen. Für ältere Mitarbeitende ist sie damit kein Luxus, sondern ein Booster für Neuroplastizität und Leistungsfähigkeit. Wer fragt, hält sich jung, im Kopf wie im Beruf.
Studer macht darauf aufmerksam, dass Neugier kontextabhängig und trainierbar ist. Neugier wächst dort, wo Fragen belohnt werden. Wie? Durch interdisziplinäre Teams, offene Lernformate oder die Offenheit, kleine Risiken einzugehen. «Neugier braucht nicht Talent, sondern Bedingungen», sagt sie.
In einer Arbeitswelt, in der KI uns Wissen auf Knopfdruck liefert, verschiebt sich der Wert des Menschen ohnehin: «weg vom blossen Beantworten, hin zum guten Fragen».
KI-Experte Roger Oberholzer bringt es auf den Punkt, wenn er betont, dass Urteilskraft und Gespür wichtiger werden und es vor allem darauf ankomme, agil zu bleiben und sich immer wieder neu zu erfinden. Beides, Urteilskraft wie Wandlungsfähigkeit, hat dieselbe Wurzel: Die Neugier. Vielleicht ist das die eigentliche Lektion für die kommenden Jahre. Nicht, wer die meisten Antworten kennt, kommt am weitesten, sondern, wer die besseren Fragen stellt und den Mut hat, neugierig zu bleiben.
Die oben zitierten Studien:
* Francesca Gino, «The Business Case for Curiosity», Harvard Business Review (2018)
** 2020 State of Curiosity Report
***Barbara Studer, Interview HR Today (2026): Neugier als Zukunftskompetenz im HR | HR Today