Wir leben in einer PUMO-Welt

Wie lässt sich die heutige Arbeitswelt beschreiben? Das PUMO-Modell, inspiriert von einem deutschen Forscher, macht auf eine berufliche Realität aufmerksam, die sich ständig verändert – in einer gespaltenen und überhitzten Welt.

Nach dem VUCA-Modell (volatil, unsicher, komplex und ambivalent) kommt nun PUMO : polarized (polarisiert), unthinkable (undenkbar), metamorphic (metamorph) und overheated (überhitzt). Vier Buchstaben, um das diffuse Gefühl radikaler Instabilität zu benennen, dem Erwerbstätige ausgesetzt sind. 

Woher kommt der Begriff? 

Entwickelt wurde er von Ulrich Lichtenhalter, Forscher und Berater an der International School of Management in Köln. Das Konzept stellt einen wirtschaftlichen Analyserahmen dar und bietet eine neue Sprache, um die neuen Paradigmen der Arbeitswelt zu beschreiben – und um zu legitimieren, dass sich die Spielregeln in den letzten Jahren verändert haben. 

Inwiefern? 

  • Zwischen Extremen navigieren 

Die politischen und sozialen Umwälzungen der letzten Jahre beeinflussen die Unternehmenswelt tiefgreifend. Unternehmen müssen sich an ein polarisiertes Umfeld anpassen, in dem in vielen Bereichen (Politik, Gesellschaft, Umwelt) der Mittelweg zugunsten radikaler Positionen verschwindet. In diesem Kontext wird von Organisationen erwartet, zu sensiblen Themen klar Stellung zu beziehen. 

  • Kein Risiko ausschliessen 

Die jüngsten Krisen zeigen es deutlich: Man kann es sich nicht mehr leisten zu glauben, dass etwas niemals passieren könnte. In der Vorausschau bedeutet das, alle möglichen Szenarien einzubeziehen – was theoretisch undenkbar scheint, darf in Strategien nicht ausgeblendet werden. Ein gutes Beispiel? Niemand hätte sich vorstellen können, dass die Schweiz mit derart hohen Zöllen seitens der Trump-Administration konfrontiert wird – und doch ist es passiert. 

  • Ständig vorwärtsgehen 

Die unternehmerische Welt ist metamorph geworden, und Widerstand gegen Veränderung ist zwecklos. Ein visionärer Geist ist gefragt, um sich ständig neu zu erfinden und Positionen zu überdenken – wie ein Nomadenvolk ohne festen Wohnsitz. Fragen wie diese sind legitim: Auf welche Ziele sollen wir den Fokus legen? Sind unsere Werte noch aktuell? 

Vorsicht jedoch vor 180-Grad-Wenden. Eine starke Identität ist für ein Unternehmen die Grundlage seines Erfolgs. Es ist nicht glaubwürdig, von einem Tag auf den anderen widersprüchliche Werte zu vertreten. 

  • Unter Druck performen

In einem überhitzten Umfeld sind Wettbewerb, Tempo und Effizienz die Schlüsselbegriffe. Es werden schneller mehr Resultate erwartet – in einem Klima zunehmender Aggressivität. Das zeigt sich auch in den intensiven und radikalen Reaktionen der Anspruchsgruppen auf gesellschaftliche und kulturelle Trends.

In dieser dauernden Unruhe fehlen oft Sachlichkeit und faktenbasierte Argumente. Soziale Medien, Kommentare – all das führt zu hitzigen Debatten, die sehr schnell ausarten … polarisiert, wir sind also wieder beim Anfang. 

Wie den Boden nicht verlieren? 

Abgesehen von der Garantie, sich nicht zu langweilen: Was kann man als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer aus diesem brennenden Umfeld ziehen, in dem das Unwahrscheinliche möglich ist und der Druck steigt? 

Einige Ideen, um in der «PUMO»-Welt zu überleben

Seine Kämpfe wählen

Polarisierung kann das Arbeitsklima spalten; Mitarbeitende können sich im Widerspruch zur Unternehmenslinie fühlen, wenn diese nicht mit den eigenen Werten übereinstimmt. Es lohnt sich, sich zu fragen: Fühle ich mich mit der Positionierung meines Unternehmens im Einklang?

Wenn ja, ist das eine Chance, sich zu Themen zu äussern, die einem am Herzen liegen (Nachhaltigkeitsinitiativen, bessere Arbeitsbedingungen usw.). Wenn nein: Welche Wünsche habe ich für die Zukunft? Es ist erwiesen, dass widersprüchliche Anforderungen langfristig ein Erschöpfungsfaktor sind. 

Danach gilt: Fokus behalten auf das Wesentliche. Definiere die Themen, zu denen du Stellung beziehen müssen oder wollen, und lasse jene beiseite, die wenig Bedeutung haben. Äussere dich dort, wo du etwas bewegen kannst. Genau das empfiehlt Lichtenhalter auch Unternehmen: die eigenen Kernthemen festlegen und sich nicht in unnötigen Debatten verlieren.

Alle Szenarien antizipieren

Ein agiler Geist und eine hohe Anpassungsfähigkeit sind wichtig, reichen aber nicht mehr aus. Um die Gegenwart in all ihren Widersprüchen zu erfassen, braucht es neue Denkweisen und einen Blick voraus. Nichts ist selbstverständlich.

Ein konkretes Beispiel: Auch in einem sehr stabilen Arbeitsumfeld sollte man sich weiterbilden und neue Kompetenzen entwickeln. Man weiss nie, was morgen kommt – vielleicht muss man sich in einer anderen Funktion oder in einem neuen Beruf neu erfinden. 

Behalte im Hinterkopf: In Krisenzeiten ist Resilienz nicht mehr nur individuell, Solidarität ist gefragt. Wenn das Undenkbare eintritt, setzen wir auf die Kraft des Kollektivs – am besten, indem wir Beziehungen schon vor der Krise aufbauen. Das ist unser Leitsatz bei Angestellte Schweiz: Gemeinsam sind wir stärker!

Auf vielfältige Laufbahnen setzen

In einer PUMO-Welt werden lineare Berufswege seltener. Sich dessen bewusst zu sein, ist wichtig. Um positiv zu bleiben, hilft es, sich vor Augen zu führen, dass die ständige Neuerfindung ebenso viele Chancen bietet, Wissen zu sammeln und neue Herausforderungen anzunehmen.

Achtung, sich nicht in einer Vielzahl widersprüchlicher Tätigkeiten und Erfahrungen zu verlieren. Ein vielfältiger Lebenslauf ist eine Stärke auf dem Arbeitsmarkt – sofern ein roter Faden erhalten bleibt. Genauso wie ein Unternehmen vor der Neuerfindung seine Stärken und sein Identitätsfundament klar definieren muss.

Sich vor Druck schützen

Eine überhitzte Welt ist ultrasensibel und hypervernetzt. Sie zwingt dazu, schnell zu reagieren, schnell zu arbeiten und mehr mit weniger zu leisten. In diesem Dschungel kann man leicht den Halt verlieren. Die eigenen Ressourcen zu stärken, um einen kühlen Kopf zu bewahren, ist zentral. Das Recht auf Nichterreichbarkeit muss verteidigt werden – ebenso das Recht auf Zeit für Freizeit und wohltuende Aktivitäten.

Massnahmen zum Schutz der psychischen Gesundheit müssen sowohl individuell als auch kollektiv ergriffen werden. In Unternehmen müssen die Arbeitsbedingungen stimmen, um Absenzen zu vermeiden. Du kannst auch selbst aktiv werden, indem du dich in Personalkommissionen engagierst oder kleine, alltägliche Rituale pflegen, die guttun: ein Spaziergang in der Natur, eine Kaffeepause mit Kolleg*innen, ein paar Stunden fern vom Smartphone. 

Wir wünschen dir viel Erfolg auf deinem Weg in die PUMO-Welt!

Autor*in

Laure Fasel

Laure Fasel

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