Neue Schaufenster: Orientierung in der heutigen Arbeitswelt
Zwei dumpfe Schläge auf Metall. Gefolgt von einem Scheppern auf Kunststoff. Am rechten Heck des Boots ragt ein Holzbalken in die Höhe. In einem der Löcher ist eine Metallstange befestigt, an welcher knallgelb eingepackte Hände das nasse Netz aufwickeln. Das Pedal am Boden erinnert an den Handarbeitsunterricht. Nur ein leises Summen begleitet die Umdrehung der Rolle, die das Netz hochzieht. Könnte hier in zehn Jahren ein Roboter stehen? Humanoid, wetterbeständig und stoisch gegenüber den Launen der Natur? Wird in Zukunft eine vollautomatisierte Maschine Fische aus dem Vierwaldstättersee holen?
Expert*innen warnen vor einem massiven Rückgang bezahlter, menschlicher Arbeit. «KI» wird Aufgaben zunehmend günstiger und effizienter erledigen: Der Mensch droht ersetzt zu werden. Meist sind klassische Bürojobs oder Arbeitsplätze in der IT und Produktion gemeint, wobei auch Arbeitsfelder wie Recht, medizinische Diagnostik, Beratung und die Medien- und Kreativbranche zunehmend in den Fokus rücken. Wie sieht es aus mit handwerklichen Berufen? Was kann uns der Beruf des Fischers über den Sinn und Wert menschlicher Arbeit zeigen?
Neben dem altertümlich anmutenden «Netzenknecht» steht Nils Hofer (64) aus Meggen. Einzig die angebrachte LED-Leuchte zeugt von der modernen Zeit. Sie wirft ihr Licht durch die Dunkelheit auf den Fischer mit der roten Jacke, den orangenen Ärmeln und der weiss-grauen Schürze. «Irgendwann hat alles ein Ende. Wie es im Moment aussieht…ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben.» Er wäre offen dafür, dass jemand ausserhalb der Familie nachfolgen würde. Der Job sei halt nicht ohne. Wetterfest und bereit für lange Tage müsse man sein. Nils Hofer ist jemand, der seine Worte mit Bedacht wählt, kurz innehält und dann weiterspricht. «Man kann das Geld einfacher verdienen – man muss es wollen».
Er befreit den nächsten Fisch aus dem Netz, setzt zweimal an der Kante des Bootes an und wirft die Felche in die Kiste. So werden es Fischer vor ihm schon seit Jahrhunderten gemacht haben. Auch heute sind mehrere Verwandte Nils Hofers in der Berufsfischerei tätig. Die Chronik belegt das Geschlecht Hofer – meist als Fischer und Fährleute tätig – schon seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Meggen.
«Als Junge möchtest du Rennfahrer werden, Pilot… – Pirat wollte ich auch mal werden, aber sicher nicht Fischer!»
1997 übernahm Nils Hofer den Fischereibetrieb von seinem Vater Alois. «Also wir haben eigentlich gar nicht darüber gesprochen. Aber irgendeinmal war für mich der Fall klar, das mache ich, fertig.» Während der Sekundarschule sei es ein Thema geworden und er sei dann reingewachsen. Nils Hofer ist Vater von drei Kindern. Heute betreibt er die Fischerei mit seinen zwei Mitarbeitern Marjan Gegaj und Standa Kahoun.
Die leichten Bewegungen des Wassers stossen abwechselnd mit einem Glucksen an die Seiten des Bootes. Nils Hofer geniesst die Stimmung und das Alleinsein am Morgen auf dem See. Er brauche ein bisschen Zeit, bis er richtig wach werde. Meistens höre er «Rock Antenne», ein deutsches Digitalradio. Möwen krächzen, die sich auf Bojen in Lauerstellung positionieren.
Als er vor 45 Jahren angefangen hat, waren es circa 25 Berufsfischer, die täglich auf den See gegangen sind. «Heute sind es – im besten Fall – noch neun.» Die Intensität habe sich somit verringert. Die jetzige Anzahl Fischer sei gerade in Ordnung. Grundsätzlich hat es heute weniger Fische im Vierwaldstättersee und die Schwärme schwimmen weiter auseinander. Auf der Suche nach Futter sind sie jetzt mehr in Bewegung. Statt mit 1.80 m Höhe fischt er heute deshalb mit einem 6 m hohen Netz auf 80 Meter Länge.
Was hat sich in der Zeit noch verändert? «Man geht nicht mehr bei jedem Wetter auf den See». Während eines Föhnsturms im April 1983 kam er und sein Lehrling frontal gegen die Flut: «Nach der dritten Welle war es vorbei». Es sei eindeutig sein Fehler gewesen. Das Schiff hätte im 45 Grad Winkel zu den Wellen stehen müssen. Der Föhn trieb sie glücklicherweise in Richtung Ufer, wo eine Bekannte seiner Eltern wohnte. Doch während den langen Metern schwimmend im See habe er Kopfkino gehabt. Am Nachmittag hat er wieder gearbeitet.
Ein Ausdruck von Tradition und Vertrauen ist auch in einem Wandbild beim Bootshaus wiederzufinden. Die Malerei neben der Garage zeigt Jesus, wie er den Sturm auf dem See von Galiläa beruhigt. 1978 hat sein Vater die Schiffhütte mit Platz für vier Fischerboote gebaut. An den Nachmittagen richtet und repariert Nils Hofer im Obergeschoss die Netze. 11 Netze sind diese Saison kaputt gegangen. Zusammenstösse mit Nauen und das eiskalte Wetter haben denNetzen zugesetzt. Entwickelt hat sich der Stoff der Netze, von Baumwolle, zu Nylon zu noch feineren Materialien. Die Art zu Fischen habe sich aber seit ein paar hundert Jahren kaum geändert. Natürlich müssen die Fischer heute nicht mehr rudern. Die Boote sind mit Aussenmotoren von 70 PS ausgestattet.
Aber, kommt die Fischerei bald einmal in Kontakt mit Künstlicher Intelligenz? «Ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen.» Technologien zur Schwarmortung wie Live-Sonar könnte vielleicht noch etwas sein, aber das sei hier auf dem See kein Thema. Er gehe davon aus, dass der Beruf an Ansehen gewinnen werde: «Aber wenn niemand mehr da ist, der arbeitet, dann wird es natürlich auch schwierig.»
Luzerner Konsumentinnen und Restaurants möchten lokalen Fischfang konsumieren und anbieten. Die Nachfrage ist da. Auf der einen Seite sei es etwas, was die Leute wollen, und andererseits möchte es niemand machen. Er könne sich vorstellen, dass es hier eine Änderung geben werde. «Leute, die den Job verlieren, müssen ja auch etwas machen. Ich sage jetzt nicht, dass Banker kommen müssen – aber möglich ist es schon.»
Melina Fäh ist Mitarbeiterin Kommunikation am Institut für Sozialethik ISE an der Universität Luzern. Vor kurzem hat sie das CAS Journalismus am MAZ – Die Schweizer Journalisten Schule abgeschlossen. In ihrer Reportage über den Berufsfischer Nils Hofer beschäftigt sie sich mit der Spannung zwischen traditionellem Handwerk und den Umwälzungen durch künstliche Intelligenz.
Sie fragt, was Arbeit jenseits von Effizienz und Automatisierung bedeutet und warum Berufe, die seit Jahrhunderten kaum verändert wurden, heute mehr denn je als Spiegel unserer gesellschaftlichen Werte dienen.