Verhandeln über Grenzen hinweg
Montagmorgen in einem Zürcher Softwareunternehmen: Melanie, Ingenieurin, stempelt sich im Büro ein. Aus der Küche strömt der Duft von frisch gebrühtem Kaffee. Der Drucker surrt, und aus dem Grossraumbüro ist das Klingeln eines Telefons zu hören. Alles läuft wie immer. Doch Melanie weiss: Etwas hat sich verändert.
Ihr Blick fällt auf den Arbeitsplatz links neben ihrem. Leer.
Freitag war Peters letzter Arbeitstag. Er war ihr Teampartner in der Produktentwicklung. Sie hat an seinem Abschiedsapéro teilgenommen und mit ihm auf seine zukünftigen Projekte angestossen … Und doch fragt sie sich am Montagmorgen: Wie kann ein leerer Schreibtisch so viel Raum einnehmen?
Am Freitag zuvor hat sich das Team von Peter verabschiedet. Gipfeli, Blumen, ein paar persönliche Worte: Melanie hat als enge Kollegin eine Karte organisiert, auf der alle ein paar Zeilen hinterlassen konnten.
Wenn ein Kollege das Unternehmen verlässt, spielen die üblichen Rituale eine besondere Rolle. «Sowohl für die Person, die das Unternehmen verlässt, als auch für die verbleibenden Mitarbeitenden, sind solche Rituale eine Form von gegenseitiger Wertschätzung, » sagt Jan Borer, Arbeitspsychologe. « Schliesslich hat man über einen Zeitraum zusammengearbeitet, Probleme gelöst und sich auch gegenseitig unterstützt. Die Abschiedskarte ist eine Gelegenheit, um all diesen Umständen nochmals Rechnung zu tragen, und gute Wünsche zum Ausdruck zu bringen.»
Die Frage nach Geschenken kann hingegen heikel sein. Zu Beginn ihrer Karriere absolvierte Melanie ein Praktikum in einem Unternehmen mit hoher Fluktuation. Alle zwei Monate machten Umschläge die Runde: eine Sammlung zum Abschied von jemandem, zur Geburt eines Kindes... Diese angeblich «freiwilligen» Beiträge erlebte Melanie als informellen Druck, einen bestimmten Mindestbetrag zu geben. Und sie hatte nur den Lohn einer Praktikantin. Was sagt Jan Borer dazu?
« Bei Geschenksammlungen besteht diese Gefahr durchaus. Unterschiedliche Einkommen sind ein Aspekt. Und man soll nicht ausschliessen, dass die Beziehung zwischen der Person, die das Unternehmen verlässt, und anderen Mitarbeitenden eventuell konfliktbehaftet ist. Ich empfehle Geschenksammlungen anonym (z.B. durch das Herumreichen eines versteckten Umschlags) und freiwillig aufzusetzen.»
In einer Arbeitswoche verbringt man manchmal mehr Zeit mit Kolleg*innen als mit der eigenen Familie. Wenn ein*e Mitarbeiter*in das Unternehmen verlässt, fällt dieser regelmässige Kontakt weg. Dieser Übergang passiert abrupt. Deswegen verspricht man oft, sich regelmässig ausserhalb des Büros zu treffen. Oft sind diese Versprechen gut gemeint – insbesondere, wenn wir auf der Arbeit eine gute Beziehung hatten, wollen wir diese in einer Form erhalten.
Mit der Zeit holt einen das Leben wieder ein. Zwischen Arbeitswegen und familiären Verpflichtungen passiert es schnell, dass Versprechen nicht eingehalten werden. Eine Beziehung in einem anderen Kontext aufrechtzuerhalten, bedeutet, neue Gewohnheiten zu entwickeln.
Melanie stellt in diesem Zusammenhang fest, dass sie nicht einmal Peters private Handynummer hat. Trotz ihrer langen Mittagspausen, in denen sie sich gegenseitig aus ihrem Leben erzählten, hat sie ihn nie ausserhalb des Büros getroffen. Wäre sie bereit, ihm in ihrem privaten Alltag etwas Zeit zu widmen? Plötzlich ist sie sich da nicht mehr so sicher.
«Will man eine ehemalige Arbeitsbeziehung aufrechterhalten und / oder in eine Freundschaft überführen, braucht es darum ein gutes Mass an Effort von allen Beteiligten», sagt Jan Borer.
Peters Projekte wurden im Team verteilt. Seine Nachfolgerin arbeitet effizient und lernt schnell. Im Laufe der Wochen ist Melanie dennoch irritiert: In den beruflichen Gesprächen wird ihr ehemaliger Kollege kaum noch erwähnt.
In den informellen Diskussionen hingegen taucht er immer wieder auf: beim Austausch von Anekdoten auf dem Gang, beim morgendlichen Kaffee oder beim gemeinsamen Lachen in der Mittagspause: «Wisst ihr noch, wie Peter immer schon um halb sieben da war?» «Wenn der Drucker wieder einmal nicht wollte, fand er immer eine Lösung.» «Und seine sarkastischen Kommentare fehlen uns schon ein bisschen.»
Wer in einem Unternehmen arbeitet, hinterlässt Spuren. Spuren, die manchmal ganz anders aussehen, als man denkt. Denn das Leben im Büro besteht bekanntlich nicht nur aus Zahlen, Präsentationen oder unterzeichneten Verträgen. Es besteht aus Gewohnheiten. Aus persönlichen Gesten, die einen Unterschied ausmachen. Aus Charaktereigenschaften, die die Atmosphäre eines Teams prägen.
All das steht in keinem Arbeitsvertrag und bleibt doch bestehen, lange nachdem wir unseren Badge abgegeben haben. Und anders als unsere Fachkompetenzen lassen sich unsere Gewohnheiten und Eigenheiten nicht einfach durch einen ähnlichen Lebenslauf ersetzen.
In ein Team bringen wir sowohl unser Fachwissen als auch unsere persönlichen Fähigkeiten und unsere Art, miteinander umzugehen, ein. Letztere stehen nur selten im Arbeitszeugnis – bleiben aber in den Erinnerungen an das Arbeitsleben, auch nachdem wir gegangen sind.